Der Sinn des Lebens ist lokal

Wer von uns hat noch nicht nach dem Sinn seines oder des Lebens auf der Erde gefragt? Doch wem dient unsere Suche danach? Michael Mörike, Vorstand der Integrata-Stiftung, weicht bei der Beantwortung dieser Frage deutlich von den Annahmen klassischer Philosophie ab und kommt in seinem neuesten Blogbeitrag zu einer verblüffenden Antwort auf die große Frage nach dem Daseinssinn…

Fast alle von uns machen sich mehr oder weniger Gedanken über den Sinn des Lebens und fragen sich, wozu sie da sind. Manchmal ist auch gemeint, welchen Sinn Leben auf der Erde – oder sogar im Kosmos – überhaupt hat oder haben kann.

Meine persönliche Antwort darauf ist: Der Sinn des Lebens ist lokal. Damit meine ich, je weiter weg wir nach einem Sinn suchen, umso weniger werden wir fündig. Ich strebe danach, meiner Tochter / meinen Kindern das Leben zu erleichtern. Sie mögen weniger Schwierigkeiten in ihrem Leben haben. Aus Sicht der Evolution betrachtet, möchte ich, dass meine Kinder eine bessere Überlebenschance haben, als ich es hatte. Diesen Wunsch haben vermutlich alle Eltern.

Will ich das auch für alle Menschen auf der Erde? Nun ja, sicher nicht in gleichem Maße, wie ich es für meine Kinder wünsche. Der Mensch ist nun mal ein Lebewesen, das in kleinen Gruppen lebt und daher zunächst diese Gruppe unterstützt. Der englische Psychologe Robin Dunbar hat die uns jeweils bekannten Menschen daher in entsprechende Kreise eingeteilt. Den nächsten fühlen wir uns am meisten verbunden und helfen ihnen eher, als denjenigen, die weiter draußen sind. Weiter entfernte beachten wir zwar, aber wir sorgen nicht für sie – höchstens ganz wenig.

Das ist im Sinne der Evolution zweifellos sinnvoll. Wir sind eben ein Lebewesen, das in Gruppen zusammenlebt. Und deshalb ist es nützlich, wenn wir uns bevorzugt um unsere Gruppe kümmern und ihr beim Überleben helfen. Daher ist auch der Wunsch in uns nützlich, der dieses Verhalten fördert.

Wie hier, steckt auch hinter unseren anderen Wünschen meist ein Ziel, das evolutionär von Vorteil ist. Diese Ziele sind die – biologisch nützliche – Grundlage für unsere Wünsche. Und weil diese Ziele nützlich sind, sind diese Wünsche in uns tief verankert. Oft sind sie angeboren und werden mit den Genen vererbt. Beispiel: Wunsch nach Sex oder Hunger. Manchmal werden sie mit unserer Kultur weitergegeben und in der Kindheit erlernt.

Unsere Wünsche werden von uns gerne gerechtfertigt / glorifiziert und wir finden darin Werte, die wir verfolgen. Ich halte diese Werte lediglich für gedankliche Abstraktionen unserer Wünsche. Die Wünsche sind real messbar, die Werte können nur ideell erfasst werden. Mit Werten können wir besser / einfacher argumentieren. Alles Gut. Nur, dass die Werte nicht – wie oft behauptet – das Original sind, sondern Abstraktionen entsprechender Wünsche, die ihrerseits nur dazu dienen, gewisse evolutionäre Ziele zu verfolgen. Und diese Ziele sind auch nicht absichtlich von irgendjemand vorgegeben, sondern haben sich schlicht als zum Überleben nützlich erwiesen. Auch das ist gut.

So betrachtet, dient unsere Suche nach dem Sinn unseres Lebens auch nur der Evolution. Es ist – überspitzt ausgedrückt – eine Form der gedanklichen Verarbeitung des „survival of the fittest“.

Ist das schlecht? Ich meine, nein. Aber es ist eben banal – viel banaler, als von der klassischen Philosophie angenommen. Wenn wir unsere Denke in diesem Punkt sozusagen auf den Kopf stellen, wird es uns viel leichter fallen, damit umzugehen. Und wir werden mit dieser Denke sogar Möglichkeiten finden, Werte und praktische Moral in moderne Roboter einzubauen. Dazu müssen wir allerdings denen die richtigen Ziele vorgeben. Das kann vielleicht schwieriger werden als zunächst gedacht. Aber ich bin davon überzeugt, dass es sich lohnt, darüber intensiv nachzudenken. Ich wünsche mir, dass wir denen Ziele definieren, die uns Menschen helfen, unser Leben lebenswerter zu machen – ganz analog zu unseren eigenen Wünschen, den Sinn unseres Lebens zu verstehen.

Michael Mörike, Vorstand der Integrata-Stiftung.

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