Computer denken anders

Computer denken anders

Immer wieder stellen wir fest, dass künstliche Intelligenz (KI) oft wesentlich bessere Leistungen erbringt als der Mensch, andererseits mit dem menschlichen Denken aber nicht annähernd mithalten kann.

Woher kommt das?

Charles W. Morris (1901–1979) unterscheidet in seiner Zeichentheorie (Semiotik) drei Ebenen:

Syntax (Grammatik), Semantik (Bedeutung) und Pragmatik (Zweck).

Beispiel: Ein Mensch fährt mit seinem Auto auf eine Ampel zu, erkennt das rote Licht (Zeichen) und versteht, dass er warten muss (Bedeutung des roten Lichts), und weiß auch, warum er warten muss (Zweck des roten Lichts). Menschen denken immer – ungewollt – auf allen drei Ebenen.

Wie lernt KI?

Ein Computer (KI) bekommt derzeit beim Lernen große Mengen von Daten (Zeichen, Bildpunkte, Worte und so weiter) vorgelegt und setzt diese in Beziehung zueinander. Dann beurteilen Menschen das Ergebnis danach, ob es richtig oder falsch ist. Damit korrigiert der Computer (KI) seine Einstellungen. Das geschieht so lang, bis die KI – mehr oder weniger – alles richtig zuordnet.

Wie lernt der Mensch?

Der Mensch hat eine „natürliche“ Intelligenz, die sich in Jahrmillionen evolutionär entwickelt hat. Schon als frisch geborenes Kleinkind sieht, hört und fühlt er immer bewegte Objekte; er lernt nicht aus statischen Bildern. Und als Mensch hat er genetisch vererbte Ziele, die er immer mit seinen – anfangs unbewussten – Beobachtungen zusammenführt. Diese meisten Wunschziele sind biochemisch basiert (Beispiele: Hunger, Zärtlichkeit, Neugier, Abenteuerlust oder Selbstbestimmung). Die wenigsten sind kulturell anerzogen (wie etwa Höflichkeit).

Natürliche Intelligenz stellt einen Überlebensvorteil dar. Sie ist von den Ursprüngen her zielorientiert und pragmatisch angelegt. Das gilt schon für Einzeller wie z.B. Amöben. Ohne Nerven kriechen sie in die Richtung, in der es etwas zu fressen gibt. Das wird bei ihnen rein chemisch gesteuert: Sie kriechen in die Richtung, aus der Duftmoleküle kommen, die Nahrung versprechen. Meist sprechen wir hier nicht von Intelligenz, sondern von Instinkt. Aber was ist eigentlich der Unterschied? Der biologische Zweck ist jedenfalls derselbe.

Im Laufe der Evolution haben sich dann Nervenzellen entwickelt, die Informationen schneller verarbeiten können und so wiederum einen Überlebensvorteil darstellen. Daraus haben sich weiterhin Zentralorgane entwickelt, die als Hirn den ganzen Organismus steuern können. Und entwicklungsgeschichtlich in jüngerer Zeit hat sich der Neocortex entwickelt, der beim Menschen besonders groß ausgebildet ist.

Aber immer – von der Amöbe bis zum Mensch – ist die Planung der jeweils nächsten Handlungen Aufgabe dieser Gehirne gewesen. Diese Planung dient zunächst dem Überleben oder jedenfalls einer Verbesserung der Überlebenschancen. So kommen wir auch zu unserer Definition:

Intelligenz ist die Fähigkeit, eine gegebene Situation zu verstehen und möglichst schnell daraus Schlüssefür vorteilhafte Handlungen zu ziehen.

Zusammenfassung:

  • Computer lernen aus Faktenwissen. Menschen lernen aus Planungsschritten.
  • Computer reproduzieren Faktenwissen, Menschen planen immer – meist in kleinen Planungsschritten.

Das ist ein großer Unterschied und führt natürlich zu den bereits geschilderten Beobachtungen.

Wer es nicht glaubt, möge sich selbst mal bei alltäglichen Handlungen möglichst detailliert beobachten.

Beispiel: Schlüssel aus der Tasche nehmen und eine Tür aufschließen. Wir denken dabei etwa eine Sekunde voraus – völlig unbewusst: Wir planen eben.

Wie geht es weiter?

Wenn wir eines Tages Computer so programmieren, dass sie auch aus Planungsschritten lernen, dann – so meine Prophezeiung – werden sie viel ähnlicher denken wie wir Menschen, als das heute der Fall ist.

Und erst dann können sie uns wirklich überlegen sein. Der Weg dahin ist aber noch weit.

Über den Autor

Michael Mörike

Michael Mörike ist seit 2008 ehrenamtlich als Vorstand in der Integrata Stiftung tätig.

Als Informatikpionier führte er bereits während seines Studiums Projekte in der EDV durch. So richtete er beispielsweise 1969 Prozessrechner für die Uni Tübingen ein. Zwischen 1978 und 2000 war Michael Mörike in der Geschäftsführung verschiedener Unternehmen tätig (GDV 4 Jahre, Integrata 14 Jahre, itm AG 4 Jahre) bevor er zur Jahrtausendwende in den Stand des Freiberuflers wechselte. Als Projektleiter hat er so renommierte Projekte wie BTX und NIVADIS geleitet.

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