Akutes seelisches Defizit

Überforderung. Bildnachweis: gstockstudio/Shotshop.com

Beitrag 4 aus der Reihe Mensch 2.0: Der Stresspegel steigt, die Software des Gehirns greift zu Sparmaßnahmen und reduziert den Einsatz energiezehrender oberer Schichten ihrer neuronalen Netze mit der Folge einer Qualitätsminderung der Aktionen und des Lebensgefühls. Außerdem werden „Urprogramme“ in Gang gesetzt. Wie wirkt sich solches im täglichen Leben aus? Könnte eine KI negative Auswirkungen mindern?

Die ganze Reihe können Sie gerne in einem PDF gebündelt hier herunterladen (889 KB).

Die Belastung wächst weiter, Erfolge bleiben aus, der seelische Pegel sinkt. Die Belastungsgrenze ist erreicht, zeitweise überschritten. Der Stresspegel ist mit dem seelischen Defizit angestiegen.

Obere Schichten inaktiv

Der Organismus verlässt den Normalbetrieb und beginnt, sich durch die bekannten Stressreaktionen wie erhöhten Herzschlag und Blutdruck wie auch Herabfahren von momentan weniger wichtigen Tätigkeiten wie Verdauung, Fortpflanzung oder Immunabwehr, dieser Überlastung Paroli zu bieten. Um dafür seelische Energie einzusparen, reduziert die Software des Gehirns die Beteiligung oberer, energieintensiver Schichten der neuronalen Netze, z.B. Bewusstheit und Verstand.

Untere, festverschaltete und unbewusste „Hardware-basierte“ Schichten benötigen viel weniger Steuerungsenergie als beim Denken frei gestaltbare „Software-basierte“, „höhere“ Ebenen der neuronalen Netze und liefern blitzschnelle Ergebnisse, zumal bei gröberer Rasterung nur noch die stärksten Inputs zählen.

Je mehr obere Schichten durch Einsparung inaktiviert werden, desto mehr leidet nicht nur die aktuelle Leistung. Auch das Lebensgefühl wird zunehmend durch Unsicherheiten und Ängste bestimmt. Die Reduktion der Qualität gleicht einer Art Rückentwicklung in frühere Entwicklungsphasen.

Was nützt Intelligenz, wenn sie nicht mehr zugreifbar ist? Das Selbstwertgefühl geht verloren, man ist nicht mehr der, der man sein könnte.

Zunächst kann ein „Denken in Schubladen“ entlasten: Unterwäsche, Socken, Hemden und Hosen wird man auch nicht einfach so in den Schrank stopfen und bei der Suche nach dem passenden Outfit jedes Mal eine Suchaktion für verknittertes Zeug starten wollen. Nein, alles schön in Schubladen sortiert.

Dies gilt auch für in Schubladen abgelegte Erfahrungen: Von diesem Kerl mit diesem Aussehen weiß ich, dass er schnell aggressiv reagiert. Wenn ich also einem Typen mit ähnlichem Aussehen und Habitus begegne, kommt der erst einmal in die gleiche Schublade wie der erste, weil ich die Wahrscheinlichkeit als erhöht einschätze, dass der ebenso unbeherrscht drauf ist.

Bevor ich mich also mit dem einlasse, muss ich mich vergewissern, dass er sich normal verhält und nicht wie der Andere eine Bedrohung für mich darstellen könnte. Erst dann kommt der aus seiner Schublade wieder raus. Zuerst bewähren, dann vertrauen.

Ideologie: Gehirn im Käfig

„Schubladendenken“ in verschiedensten Bereichen rastert zwar gröber, spart jedoch viel Energie ein und ermöglicht es, eine aktuelle Situation in Sekundenbruchteilen mit eigenen Erfahrungen abzugleichen und als nicht zu unterschätzender Überlebensvorteil schnellstmöglich zu reagieren.

Im Übrigen kann ein in seiner Rechenleistung reduziertes Gehirn anspruchsvolle, geschweige denn komplexe Zusammenhänge nicht mehr erfassen und verarbeiten. Es ist gezwungen, die Wahrnehmung der Realität und die Weiterverarbeitung der Daten so lange zu vereinfachen, bis auch untere Schichten dies bewältigen können.

Wie soll das gehen?

Zu viele Einflussgrößen! Hier schlägt die Stunde der Ideologie: Möglichst viele der variablen Größen werden zu Festpunkten gemacht: Dann ist viel leichter zu rechnen.

Wenn der Kommissar im Stress ist, wächst die Wahrscheinlichkeit, sich zu früh auf einen Täter festzulegen, um weniger Variable zu haben.

Ideologie plus Geiz: Nur da parken, wo es nichts kostet. Nasse Schuhe und Kleidung, wenn es mal regnet, was soll’s?

Atomkraft: Nein danke, der Strom kommt aus der Steckdose…

Frieden schaffen ohne Waffen: Wie?

Was über den begrenzten „mentalen Horizont“ im Hier und Jetzt hinausgeht, verleugnen, ablehnen, notfalls militant bekämpfen.

Und wie war das mit den Prioritäten?

Im Film von 1954 „Die Caine war ihr Schicksal“ ereifert sich der hilflos überforderte Kapitän über den offenen Kragenknopf eines Matrosen, während sein Schiff eine Schlepptrosse überfährt. Die Kleiderordnung ist wichtig, die Aufgabenerfüllung nicht mehr präsent.

Im akuten seelischen Mangel liegt das Selbstmanagement darnieder. Es gelingt kaum noch, sich Überblick zu verschaffen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, Zusammenhänge zu erkennen oder Dinge zu Ende zu denken.

Entscheidungen sind höchst energiezehrend, fallen entsprechend schwer und werden lieber auf bessere Zeiten verschoben.

Nun schlägt die Stunde vielfältiger „Berater“, um den geistig Verarmten auf vielfache Weise auszunützen. Spezielle Gruppierungen wie z.B. Sekten bieten ihre Hilfe im seelischen Chaos an mit dem Ziel, den Wankenden zu vereinnahmen und nicht mehr vom Haken zu lassen.

Wenn der Wasserspiegel sinkt und alle darunter verborgenen Untiefen und Sandbänke kommen ans Licht, so tauchen auch bei der Regression auf tiefere Schichten die dort abgelegten Erinnerungen wieder auf:

Urplötzlich wichtig, was die Schwiegermutter einmal Despektierliches gesagt oder dass der Nachbar vor Jahren einen überhängenden Ast abgesägt hat, ohne vorher zu fragen.

Rückschritt, Regression? Wie das?

Das Großhirn, samt seiner Software jüngster Teil in der Entwicklungsgeschichte, erlaubt als Sitz von Verstand und Vernunft „höhere Hirnfunktionen“ wie Lernen, Verstehen von Zusammenhängen und strategische Überlegungen. Mit enormem Energieverbrauch. Und nun?

Zuletzt installiert, zuerst aus dem Verkehr gezogen: Last In, First Out.

Im seelischen Mangel freie Bahn für den Autopiloten und die darunter liegenden Hilfsprogramme wie „Schubladendenken“.

Natürlich sind immer Andere an der misslichen seelischen Lage schuld, das Eingeständnis eigener Fehler würde zu viel seelische Energie abfließen lassen.

Es nervt so ziemlich alles: Überempfindlichkeit auch gegen kleinste seelische Abflüsse. Bereits die „Fliege an der Wand“ kann sich zum Problem aufbauschen.

Was tun? Gering die Chance, mental eingebremst aus eigener Kraft wie der Phönix aus der Asche wieder aufzuerstehen. Aber könnte man nicht an anderer Stelle für Zuflüsse sorgen und damit die Misserfolge kompensieren?

Frust oder Langeweile? Ein Schoko-Riegel gleicht das locker aus. Frustessen als effizienter Seelentröster: Vor allem Zucker, der wenig Verdauungsaufwand verursacht und in Hülle und Fülle überall und jederzeit zur Verfügung steht. Wer kann schon dem Drang nach Süßem widerstehen?

Es braucht Bewegung! Körperliche Arbeit, Sport oder Spaziergänge halten Körper und Seele gesund.

Das reicht nicht? Dann muss eben der Aktionsradius erweitert werden: Ein Tapetenwechsel, beispielsweise: Urlaub, Reisen, um neue Orte und Umgebungen kennenzulernen, sich zu entspannen, Kontakte zu knüpfen oder sogar Lehren für das eigene Leben daraus zu ziehen.

Was will der unter seelischen Nöten leidende Teenie? Nichts wie weg, egal wohin. Das Hier und Jetzt nervt nur noch.

Oder lieber etwas Lebendiges? Ein Haustier, z.B. ein Hund, kann seinem Halter viel seelische Energie einbringen: Knuddeln, wann immer er will, täglich strukturierte Bewegung an der frischen Luft mit vielen Sozialkontakten zu anderen Hundehaltern und auch ein bisschen Dominanz mit „Sitz“, „Platz“ oder was auch immer. Aufwand und Einschränkungen sind für ein neues Familienmitglied in Kauf zu nehmen.

Das Tier selbst total fremdbestimmt und eingeschränkt in seiner Bewegungsfreiheit, der Ausübung seines Jagdtriebs und der Art seiner Ernährung. Eine Katze ist dafür gemacht, Mäuse zu jagen und sie im Ganzen wegzuputzen.

Keine Chance gegen Launen und Dominanzbedürfnis des Halters. Mode und gewünschte Optik fördern „Qualzüchtungen“, die dem Tier und seiner Gesundheit oft lebenslang schaden.

Es reicht immer noch nicht? Zum Glück hat die gehirnliche Software über Millionen von Jahren hinweg aus kritischen Situationen gelernt und hält in ihrem unbewussten „Werkzeugkasten“ wohlerprobte Verhaltensweisen bereit.

Hier tut sich das Prinzip „Sündenbock“ ganz besonders hervor:

Wilder Westen, ein feiger Mord, die übrigen Colt-Träger zutiefst beunruhigt, deren seelischer Pegel im Keller. Das muss möglichst schnell ausgebügelt werden, meint der Sheriff: Gleich einen Sündenbock herausgedeutet und bei großem Zulauf öffentlich präsentiert und hingerichtet. Letzteres als finale Machtausübung bringt besonders viel seelische Energie.

Sündenbock Erwin Wodicka/Shotshop.com

Ob das wirklich der Mörder war, spielt bei diesem Prinzip – leider – keine allzu große Rolle, Hauptsache, den seelischen Pegel vieler durch das Opfern eines Einzelnenschnell wieder angehoben. Je zeitnäher und unmenschlicher der Umgang mit dem Sündenbock, desto höher der seelische Zufluss für die aufgeputschte Menge.

Auch ganze Gesellschaften erliegen allzu leicht der kollektiven Versuchung „Sündenbock“ und können sich darin bis zu jedem Fanatismus versteigen. Im seelischen Mangel braucht es dazu erschreckend wenig. Schnell ist eine Minderheit herausgedeutet und zum Nutzen der Mehrheit an den Pranger gestellt.

Im Mittelalter eine Epidemie: Die mentalen Fähigkeiten fehlen, deren Ursachen zu ergründen und ihr wirksam zu begegnen. Also müssen ganz normale, aber doch irgendwie aus dem üblichen Raster fallende Menschen als Sündenböcke und Schuldige herhalten, um den Pegel des ansonsten vollends in Existenzängsten versinkenden Volkes über dem eines Volksaufstandes zu halten: Hexen sind an allem schuld…

Früher und selbst heute noch hat man bei „sozialer Instabilität“, sprich kritisch niedrigem seelischem Pegel einer Gesellschaft, ein anderes Land zum Sündenbock erklärt und einen Krieg vom Zaun gebrochen, um angeblich diese „Wurzel allen Übels“ auszurotten.

Überraschend, wie schnell im täglichen Leben der „Sündenbock“ anspringt: Der Autoschlüssel ist weg, eine Katastrophe. Spontan der Gedanke: Sicherlich hat der Kleine damit gespielt und ihn irgendwo in der Wohnung versteckt. Die Wohnung tagelang auf den Kopf gestellt: Nichts. Durch Zufall in einer Jackentasche wiedergefunden. Erst kommt der „Sündenbock“, dann – wenn überhaupt – die Überlegung – oder der Zufall.

Jeder trägt den unbewussten, aber sehr verbreiteten Programmteil „Sündenbock“ in mehr oder weniger starker Ausprägung in sich und wenn die Auswüchse ungestraft bleiben oder sowieso alle mitmachen, genügt das völlig, um den im seelischen Keller wartenden Alptraum von der Leine zu lassen.

Die Gretchenfrage: Sind wir unseren unbewussten Antrieben tatsächlich hilflos ausgeliefert? Schließlich sprechen diese doch, wenn der seelische Pegel zu weit abfällt, automatisch und heftig an und versuchen, das Regiment zu übernehmen?

Bei genügend hohem seelischem Pegel ist es Verstand, Vernunft und sozialer Kontrolle noch möglich, diese „bösen Antriebe“ bewusst in Grenzen zu halten.

Mit sinkendem Pegel jedoch beginnt die Verstandeskontrolle zu bröckeln, emotionale und unsoziale Seiten kommen an die Oberfläche. Schließlich kann nichts mehr diese mächtigen Urprogramme aufhalten.

Und heute? Krisen überall und miese Zukunftsaussichten? Der seelische Pegel einer ganzen Gesellschaft und damit Vernunft und soziale Haltung am Sinken. Emotionale Überempfindlichkeit macht sich breit und immer mehr der unwiderstehliche Drang, sich durch Machtausübung an einem Sündenbock wieder seelische Energie zu verschaffen.

Wie im Mittelalter: Beschuldigen und Zerstören Einzelner, um sich selbst zu retten. Anonymität und Vervielfachung in den Onlinemedien lassen besonders Cyber-Umtriebe beliebig ausarten.

Man dachte doch, den gesellschaftlichen „Sündenbock“ hätten wir hinter uns? Im seelischen Mangel kommt er zurück.

Die wirkliche Schuld am Missbrauch des Prinzips „Sündenbock“ trägt die Mehrheit einer Gesellschaft, die infolge eigener Verunsicherung und Mutlosigkeit nicht in der Lage ist, ihre menschlichen Prinzipien zu behaupten und dem Sündenbock Einhalt zu gebieten.

Eigentlich gehören so wichtige Fragen wie Ethik, Rassismus und dergleichen vor ein demokratisches Forum und nicht in die Hand labiler Sündenbock-Fanatiker.

Und wenn der Pegel sogar noch weiter sinkt? Selbstwertgefühl, Kraft und Überlebenswille verlorengehen? Ganz einfach: Der Betroffene kapituliert und macht sich selbst zum Sündenbock. Er gibt sich freimütig die Schuld an allem, selbst wofür er gar nichts kann, macht sich klein und wagt es nicht einmal mehr, Freude an etwas zu haben. Es droht die „German Angst“.

Bei so viel angehäufter Schuld wäre Freude ja verwerflich. Mentale Selbstbeschädigung, schon wieder Mittelalter mit seinen Flagellanten und seinem religiösen Diktat von Sünde. Wie bitte? Der heutige Mensch, besonders der weiße, sei „von Natur aus“ schuldbeladen?

Das Prinzip „Sündenbock“ ist eben unverrückbar tief einprogrammiert, zeitlos und immer noch höchst wirksam. Dagegen hat ein „gesunder Menschenverstand“ wenig Chancen…

Da die Gegenwart oft nicht genügend Gründe für Schuldzuweisungen hergibt, gräbt man besser im unerschöpflichen Fundus an Untaten, deren sich die Altvorderen schuldig gemacht haben.

Da hilft auch kein Argument von wegen geschichtlichem Kontext „das war damals halt so…“, nein, alles muss ans Licht gezerrt und im Interesse einer suspekten „Schuldkultur“ aufgedeckt und am grünen Tisch ideologisch als Erbsünde verdammt werden. Worte verbieten und jene ächten, die sie ausgesprochen haben.

Wozu das Ganze? Sündenbock pur! Diese „Machtausübung von unten“ wirft eben viel seelische Energie ohne eigenen Aufwand ab: Anderen Schuld aufzuladen, ihnen damit seelische Energie zu stehlen, um selbst oben zu bleiben.

Spaß, Freude und freies Denken fallen Neid und Missgunst von seelisch Deprimierten zum Opfer.

Eigentlich sind diese Urprogramme ja zur Unterstützung in kritischen seelischen Situationen gedacht. Kann man sich derer auch unter normalen Umständen, sprich, im seelischen Gleichgewicht bedienen? Um sich selbst seelisch zu stabilisieren, aber auch andere Menschen damit zu manipulieren, um z.B. eine Machtposition zu erringen? Oder sie sogar zu Taten zu bewegen, die sie im seelischen Gleichgewicht für undenkbar hielten?

Im Prinzip ja: Alle Urprogramme können bewusst und mit vollem Vorsatz angesprochen und auch missbraucht werden, dies umso effizienter, je niedriger der seelische Pegel des Manipulierten bereits gesunken ist.

„Quengelware“, sprich Süßigkeiten an der Supermarktkasse, genau in Höhe der genervten Kleinkinder postiert: Will haben, nein, Geschrei, Kapitulation, damit Ruhe ist.

Überall ziehen Einzelne oder Interessengruppen Vorteile daraus, Menschen zu verunsichern, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, damit ihre Urprogramme zwangsläufig anspringen. Selbst eine seriöse Presse vermittelt vorrangig negative Inhalte. Nur Verstand, Vernunft und Sozialempfinden könnten da noch helfen – falls sie noch präsent wären.

Der Mensch ist nicht „gut“ oder „böse“, er ist so, wie es die Situation erfordert. Der Eine wird schneller unsozial als der andere.

Das Prinzip „Sündenbock“ ist weit verbreitet und durchdringt alle Lebensbereiche wie Familie, Arbeitsplatz, Freizeit, Sport: Bei seelischen Einbrüchen werden schnell „Schuldige“ gesucht, um selbst über Wasser zu bleiben.

Und die KI? Die Software im Gehirn versucht mit Urprogrammen den weiteren Niedergang des seelischen Pegels aufzuhalten. Verbliebene Teile von Verstand, Vernunft und sozialem Empfinden haben es immer schwerer, die „bösen Antriebe“ dieser Urprogramme in Grenzen zu halten.

Könnte hier eine KI gute Dienste leisten, indem sie dem Menschen sein Unbewusstes bewusst macht?

Wie das denn? Unbewusstes ist doch nicht bewusst zu machen, eben weil es unbewusst ist?

Im Prinzip ja. Doch zeigt es sich im täglichen Leben tausend Mal durch die Verhaltensmuster, die das Unbewusste auslöst. Wenn ich die Auswirkungen eines Programms kenne und auch nur dessen ungefähre Struktur, kann ich genügend Rückschlüsse ziehen, immer bessere Voraussagen machen und damit im Umgang die Eigenheiten dieses Menschen besser berücksichtigen.

Das tun wir doch alle in größtem Maße: Einem, der leicht an die Decke geht, teilen wir Sachverhalte vorsichtiger mit als einem Normalen, den Labilen schützen wir durch besonders rücksichtsvolle Ansprache, einem Mächtigen lügen wir notfalls etwas vor.

Wirkliches Ziel einer persönlichen KI wäre jedoch, dem Menschen selbst die Informationen zu liefern, die ihn befähigen, seine Urprogramme in Grenzen zu halten.

Zwar könnte die KI eine natürliche Intelligenz nicht ersetzen, aber vielleicht mit ihrem Wissen um die unbewussten Antriebe ihres Menschen als Ratgeber dessen Verstand und Vernunft stärken, um wenigstens die schlimmsten Auswüchse zu verhindern?

Johann hat sich geärgert. Über seine smarte Uhr registriert seine persönliche KI einen wachsenden Stresspegel und auch seine bedenkliche Neigung, zur Entspannung etwas an die Wand zu werfen. Seine KI versucht nun, ihm dies bewusst zu machen und seine Energie in friedlichere Bahnen zu lenken.

Vielleicht hört er auf seine KI oder er wirft sie als erstes an die Wand…

Jakob fühlt sich überfordert und ausgelaugt, sehnt sich nach ein paar Tagen Ruhe. Seine KI kennt seine innersten Bedürfnisse und macht ihm Vorschläge.

Und die Programmierung von Robotern? Gegenwärtig nach Logik: Wenn das, dann das. Genau auf die Aufgabe programmiert. Interessant wird es, wenn humanoide Roboter in verschiedenen Situationen eigene Entscheidungen treffen sollen. Entscheidung heißt Vergleich der Motivationen für verschiedene denkbare Handlungsabläufe (Psycho-Mathematik).

Dabei kommt es auf die Wichtung der Bausteine an, die zur Berechnung der Motivation herangezogen werden. Diese „Werte-Koeffizienten“ müssen ebenfalls eingegeben werden, sind „menschliche“ Vorgaben, die wiederum von Urprogrammen beeinflusst sein können: „Gute“ oder „böse“ Programmierung.

Denn Roboter tun, was sie tun sollen und, einmal in Gang gesetzt, arbeiten sie streng nach Programm: Was sie nicht kennen, ist für sie nicht präsent, Menschlichkeit inklusive.

Ohne klare Entscheidungsgrundlagen kann auch ein Roboter kein Dilemma auflösen.

Ein Zug rast auf eine Weiche zu: Fährt er geradeaus weiter, wird er fünf Gleisarbeiter überrollen, stellt der Roboter die Weiche um, nur einen. Wenn man ihm nicht sagt, fünf Überlebende seien besser als einer, wird er gar nichts tun.

Fazit: Das akute seelische Defizit bedeutet einen Wendepunkt: Bewusstheit, Verstand und soziale Eigenschaften schwächen sich ab, Wahrnehmung, Verhaltensberechnung und Ausführung insgesamt werden immer stärker in ihrer Qualität gemindert, das Selbstwertgefühl schwindet.

Immer stärker treten Urprogramme in Aktion, um den seelischen Pegel zu stabilisieren.

Kann eine persönliche KI helfen? Einen Versuch wäre es wert…

Dies war Teil 4 aus der Reihe Mensch 2.0. Lesen Sie gerne auch die vorangegangenen und nachfolgenden Beiträge.

 

Getagged mit: , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*