Bequemes Leben mit Smartphones – oder soziales Dilemma? – von Rob Holub

Der Schweizer Medienschaffende – Filmemacher, Musiker, Moderator – Rob Holub sinniert über sein Handy und seinen Umgang damit. Er präsentiert Tipps, die ihm dabei helfen, den Umgang mit dieser immer mächtiger werdenden IT humaner zu machen.

MEINE GRÖSSTE HERAUSFORDERUNG: DIE RICHTIGE BALANCE FINDEN!

Ich liebe mein Smartphone. Manchmal hasse ich es auch! Das Smartphone kann jedoch nur wenig dafür, denn letztlich hat das mehr oder weniger permanente Unwohlsein dabei nur mit mir zu tun. So bin ich der Meinung, den Umgang damit mehrheitlich unter Kontrolle zu haben, in anderen Momenten fühle ich mich dem zweifellos höchst intelligenten Gerät jedoch völlig ausgeliefert. Nein, ich habe meine Balance dazu noch keineswegs gefunden, arbeite aber immerhin täglich daran. Wie viel online-Aktivitäten sind erträglich, wie viel davon unabdingbar – und wann ist angesagt, schlichtweg offline zu sein? Oder sollte die Verschmelzung von „Off und On“ bereits allzu groß, das Smartphone quasi längst zu einer integrierten Verlängerung meiner Hand, bzw. meines integralen Daseins geworden sein?

Dieses persönliche Ungleichgewicht im Umgang mit Kommunikationstechnologie widerspiegelt womöglich ein größeres soziales Dilemma, in welchem wir uns als Gesellschaft nunmehr schon seit Längerem befinden. Kaum ergeht es damit nur mir so…

TIPP 1: Schreibe dir mal während einer Woche auf, wieviel Zeit du für was mit deinem Smartphone verbrauchst und was es dir letztlich alles gebracht hat: Du wirst wohl krass überrascht sein!

LIEBER HAUSARZT: WIE VIEL DARF ICH DAVON PRO TAG KONSUMIEREN?

Wenn ich als Mann zwei Bier pro Tag trinke (bei der Frau sind es naturgemäss die Hälfte), dann weiß ich, dass diese Ration gemäß meinem Hausarzt in einem Bereich liegt, der gesundheitlich vertretbar ist. Auch dabei scheiden sich zwar die Geister, aber an irgendetwas muss sich der Mensch ja orientieren können. Bei der Benutzung meines Smartphones kann mir jedoch weder mein Hausarzt noch ein Psychologe Werte angeben, nach denen ich mich richten kann, um zu wissen, ob mir das jetzt gut tut oder nicht. Und das, obwohl der übermäßige Gebrauch von Social Media durchaus gesundheitliche Risiken in sich birgt. Denn dieser Mechanismus funktioniert nach dem Prinzip des Belohnungssystems im Hirn und ist indirekt vergleichbar mit demjenigen eines Rauchers. Zieht man sich eine Zigarette rein, werden im Nucleus accumbens große Mengen des Neurotransmitters Dopamin ausgeschüttet. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, schnell wieder zur Zigarette zu greifen. Sogar dann, wenn beim Rauchen gar kein Wohlgefühl eingetreten sein sollte. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass in der einschlägigen Forschung das Smartphone als Droge mit Folgen für Geist und Körper dargestellt wird. Zudem können gar Angst und depressive Gemütszustände von welcher Abhängigkeit auch immer verstärkt werden. Aber kann ich solch wissenschaftlichen Erhebungs-Resultaten in Zeiten von „Fake News“, Forschung und Studien noch Glauben schenken? Ich bin versucht, rein gar nichts mehr zu glauben, was im Internet zu lesen, hören oder sehen ist. Die jüngste Hiobs-Botschaft zu offensichtlich „gekauften Clicks“, welche einem Rap-Sternchen innerhalb von vier Tagen zu Millionen an Followern verholfen haben, bestätigen diese Skepsis nur noch umso mehr! Was ich aus eigener Erfahrung feststelle ist, dass das ganze Thema tatsächlich nicht ganz unproblematisch ist.

TIPP 2 lautet deshalb: Glaube nicht alles, was du im Internet konsumierst. Auch wenn du das Gefühl hast, es sei wahr oder echt. Aber wisse, dass z.B. Social Media ein Suchtpotenzial wie das von Drogen inne hat.

SEX, LIEBE, PRIVATE- UND GESCHÄFTLICHE BEZIEHUNGEN LEIDEN.

Nicht nur die gesundheitlichen Schäden durch eine übermäßige Smartphone-Benutzung sind bedenklich. Laut aktueller Studie sorgt das Gerät auch im Privatleben für eine erschreckende Entwicklung: Demnach geben knapp ein Drittel aller befragten Paare an, dass ihre Beziehung unter dem ständigen Blick auf das Handy leidet. Selbst deren Sexleben. Aber damit wären wir wieder bei den Studien. Dieser Befund und das daraus resultierende Verhalten kommen mir aus meinem eigenen Umfeld dennoch höchst bekannt vor. Ganz allgemein rutscht dabei die Aufmerksamkeit von einem Gesprächsaustausch auf die Bildschirme weg, die Dialoge werden oberflächlicher, die Präsenz ist dahin! Weshalb ich grundsätzlich mein I-phone nicht auf den Esstisch lege, wenn ich mit jemand zum gemeinsamen Lunch oder Dinner verabredet bin. Denn es ist auch nachgewiesen, dass alleine nur schon das Smartphone in Sichtnähe auf dem Tisch zu haben, den Verlauf eines Geschäftsmeetings eminent in dessen inhaltlicher und formeller Qualität stört und mindert. Es gibt auch noch viele andere Lebensbereiche, in welche das Smartphone zweifelsohne eindringt, so wie etwa das Schlafzimmer. Glücklicherweise habe ich es inzwischen geschafft, es vor gut einem Jahr aus meinem Schlafzimmer verbannt zu haben: Die Weckfunktion des „pièce de résistence“ lässt sich trotzdem noch bestens sogar bei geschlossener Tür vernehmen; und man wird auf diese Art erst noch gezwungen, wirklich aufzustehen. Das funktioniert übrigens nur dann gut, wenn ich auch wirklich eine Stunde vor dem Schlafengehen das Phone weglege – und mir nicht noch bis kurz davor belanglose Stories auf Instagram reinziehe. Ansonsten nehme ich letztere Eindrücke gleich mit in den Schlaf, was sich merklich auf meine Schlafqualität auswirkt. Und zwar im negativen Sinn!

TIPP 3: Verbanne das Smartphone vom Esstisch sowie vom Sitzungs- und Schlafzimmer. Dein privates und berufliches Umfeld wie auch du selbst werden es zu schätzen wissen. Lass dich überraschen!

BIG BROTHER IS WATCHING YOU!

Es ist nicht die Technologie per se, welche mich beirrt. Im Gegenteil, die vielen Apps und Plattformen bieten mehrheitlich hilfreiche Lösungen an, gestalten vieles einfacher, effizienter und kostengünstiger. Die Basis-Idee der integralen Digitalisierung besteht ja im Grunde darin, unser gesamtes Leben aufzubessern, nicht wahr? Momentan fühlt sich dies aber gar nicht so an. Ich hinterfrage mich vielmehr zunehmend, wieviel meiner Zeit und Energie jeden Tag in dieses Gerät fließt und wie viele andere, sinnvollere Dinge ich doch in der selben Zeit unternehmen, kreieren oder auch nicht ausüben könnte. Letzteres wäre dann das sogenannte Nichtstun, das in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen dürfte. Davon bin ich persönlich überzeugt. Doch die produzierenden Techgiganten wissen genau, was sie unternehmen, und verfolgen dabei bloß ein Ziel: Uns von den Apps abhängig zu machen, um damit konstant Daten sammeln zu können, um dann noch mehr Geld damit zu verdienen.

TIPP 4: Rufe dir ins Bewusstsein, dass nichts im Internet wirklich gratis ist. Mit jedem Zücken des Handys gibst du an mächtige Konzerne persönliche Daten weiter. Das alleinige Bewusstsein darüber, hilft ein bisschen beim zurückhaltenderen Umgang damit!

ICH HABE GAR KEINE WAHL, ODER?

So einfach ist es dann aber auch wieder nicht. Gerade als Medienschaffender bin ich beruflich geradezu gezwungen, viel Zeit mit meinem Smartphone zu verbringen und quasi ständig erreichbar zu sein. Habe ich denn als Filmemacher, Musiker und Moderator eine andere Wahl? Im Gegenteil! Eigentlich müsste ich ja Social Media Influencer werden (so einfach ist das allerdings auch wieder nicht), damit es sich auch auf beruflicher Ebene noch mehr auszahlt. Nur leider bin ich echt nicht so talentiert im permanenten Schießen von Selfies, und Freude bereitet mir das eh überhaupt nicht. Zudem lieben mich meine Familie und Freunde schon genug (und ich sie). Ich bin mithin ganz glücklich ohne „Social Media Likes“ im Leben. Trotzdem beschäftigt mich die Frage nach der Wahl zwischen dem kleineren und dem grösseren Übel, wie die Ausführlichkeit dieses Textes zur Genüge aufzuzeigen vermag.

TIPP 5: Finde deine persönliche Einstellung zu Social Media, die für Dich stimmt, und versuche, dein Berufsbild von Dir als Privatperson abzugrenzen!

ICH WACHE AUF, DIE WELT OFFENBAR AUCH.

Mittlerweile machen sich vermehrt auch Gruppen und Organisationen dafür stark (https://humanetech.com), dass Geräte und Applikationen im Silicon Valley mit etwas mehr ethischer Nachsicht entwickelt und produziert würden (mit Ethik meine ich an dieser Stelle die praktische Anwendung von Lebensentscheiden unter Rücksicht auf menschliche Grundwerte). Das klingt auf Anhieb trivial, beschreibt aber tatsächlich das Ursprungsproblem. Die Produkte sind genau so konfiguriert, dass wir möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen, selbst wenn wir dies nicht per se brauchen. Hier gilt es anzusetzen. Solange die Geräte wie aktuell noch immer programmiert werden, wird es für den Konsumenten schwierig bleiben. Im Silicon Valley achten Eltern übrigens streng darauf, dass ihr Nachwuchs möglichst wenig Zeit vor Smartphones, Tablets und Computern verbringt. Aus Angst, dass die Kinderseelen verkümmern könnten…

Es ist wohl kein Zufall, dass sich spätestens jetzt auch die Protagonisten der Wirtschaft und Regierung dem Thema annehmen. So zum Beispiel am diesjährigen WEF in Davos, an welchem diverse CEOs regelrecht Alarm schlugen (https://www.weforum.org/agenda/2019/01/davos-ceos-open-up-on-mental-health-and-the-toxic-toll-of-our-connected-lives/). Womöglich sehen sie nunmehr die real wachsende Gefahr, dass ihnen Arbeitnehmer und Steuerzahler „wegbrennen“ könnten. Man kommt nicht mehr darum herum, sich damit zu beschäftigen. Die Lösung liegt womöglich wie so oft bei jedem selbst. Denn selbst wenn die Regierung hierzu eine Normierung einführen würde, lässt sich ein gesunder Umgang mit der uns schon seit vielen Jahren umgebenden Spitzentechnologie immer nur selber umsetzen und LEBEN! Das ist ja mit Alkoholkonsum und vielen anderen Aktivitäten keineswegs anders…. Digital Detox ist ein hilfreicher Ansatz, sein inneres Gleichgewicht wieder zu finden. Es ist wohl auch damit kein Zufall, dass Anbietern von Yoga – und Meditations-Retreats und Coaches für mehr Achtsamkeit regelrecht die Bude eingerannt wird. Nein, es ist tatsächlich keiner, sondern offensichtlich eine Auswirkung des Drucks, ständig „online“ sein und auf sein Smartphone starren zu müssen, ohne regelmäßig und notwendigerweise richtig abzuschalten: Vor allem unsere psychische, aber ebenso physische Gesundheit wird es uns danken!

TIPP 6: Ein bisschen Meditation hat noch nie geschadet. Fange klein an (5-10 Minuten), aber praktiziere täglich. Lass dich auch hierbei überraschen!

ZWEI WICHTIGE SCHLUSSBEMERKUNGEN NOCH

Während ich diesen Text verfasst habe, habe ich mindestens 15 mal mein Handy gecheckt: Der daraus resultierende Mehrwert war und ist gleich Null. UND „last but not least“ mag ich Menschen wirklich sehr, jedoch ohne Smartphone in der Hand echt noch ein bisschen mehr als mit. Darauf trink’ ich ein Bier, maximal zwei – mein Hausarzt lässt grüssen…

TIPP 7: Man solle sich selbst nicht immer so ernst und wichtig nehmen – Prost!

 

Rob Holub (www.rob-holub.com) ist als Filmemacher, Moderator, Speaker und Musiker ein wahrer Multimedia-Künstler und Entertainer. Mit über 15 Jahren Erfahrung in der Medien- und Kommunikationsbranche, schafft der gebürtige Berner mit tschechischen Wurzeln zwischen der Schweiz und dem Ausland den Spagat. Als Filmemacher setzt er sich in seinem Film „Searching for Contact“ (www.searchingforcontact.com) mit den sozialen Konsequenzen der Digitalisierung auseinander. Mit den Entwicklungen der neusten Trends im Bereich Technologie & Gesellschaft ist der studierte Medien- und Kommunikationswissenschafter (Billingue-Abschluss) dadurch bestens vertraut. 

17 Kommentare zu “Bequemes Leben mit Smartphones – oder soziales Dilemma? – von Rob Holub
  1. Stefanie Küng sagt:

    Sehr hilfreicher Beitrag zu etwas, was uns alle im Alltag immer – und wohl immer mehr – beschäftigt. Wichtig, mal inne zu halten und sich Gedanken darüber zu machen….und sich zu fragen, ob uns Smartphone und Social Media immer noch besser verbinden oder dazu beitragen, dass wir uns voneinander entfernen…
    Freue mich auf ein Wiedersehen, lass mich wissen wenn du im Land bist 🙂
    Stefanie

  2. Emanuele Venturini sagt:

    Hi Rob!
    Sehr schön geschrieben, einfach aber kompakt und interessant. Ich freue mich vor allem auf deinen Film zu diesem Thema!
    Einfach mal das Smartphone zu Hause liegen lassen oder sich ein zweites Handy mit grünem Bildschirm anlegen☺️🤣 wo man sich die Telefonanrufe umleiten lässt. Damit entgeht einem nichts Wichtiges! Und abends schau ich mir die Nachrichten in Ruhe an…

  3. Natalie sagt:

    Toll 👌 allerdings bin ich der Meinung, das der Umgang automatisch nicht so im Fokus stehen wird, wenn man ein erfülltes Leben im innen und außen lebt 😉
    Yes tägliche Arbeit 🙃

  4. Sigi sagt:

    Cool geschrieben, Rob!
    Mann wüsste das ja alles irgendwie, ist aber in der Umsetzung undiszipliniert und deshalb tut jeder Gedanke daran gut..
    Freue mich auf das nächste Bier mit dir und übergebe dann für diese Zeit dem Barkeeper mein Phone..;-)

  5. Michael sagt:

    Super gemacht! Toller Artikel über die wirklichen Tücken unseres Smartphonedaseins. Danke auch für die Tipps!

  6. karin sagt:

    danke für diesen super artikel, rob 🙂 schöne beleuchtung aus unterschiedlichen perspektiven.

    in unserer hektischen zeit und durch die permanente überflutung durch (wichtige und unwichtige) informationen ist irendwie ein stück bewusstsein verloren gegangen. bewusstsein für uns selbst und dafür, was wirklich wichtig ist, was uns hilft und weiterbingt.
    wie können wir uns wieder mit uns selbst und anderen auf einer tiefen, bedeutsamen und natürlichen weise verbinden, bewusster und nachhaltiger leben? denn nur so können wir überleben.
    ein teil der menschheit bewegt sich bereits in diese richtung. andere müssen erst noch erwachen.

    • Rob sagt:

      Lieben Dank Karin für deine Gedanken dazu. Genau, es geht um ein neues Bewusstsein (oder vielleicht sogar um darum ein altes wieder hervor zu rufen)…let’s all wake up:)

  7. Cornelia sagt:

    Rob, du triffst den Nagel auf den Kopf! Es ist wirklich Fluch und Segen zugleich, es hält uns verbunden und separiert uns dennoch sehr. Als Yogalehrerin und Vipassana Anhängerin bin ich sehr aufmerksam unterwegs und schmunzel oft über all die gebeugten Nasen. In meinem Stunden kommen dann die Menschen wieder kurz zu sich, aber sicher nie lang genug … alles Gute!

    • Rob sagt:

      Fluch und Segen, Ying und Yang, Tag und Nacht, Gut und Böse…:) Ja, so ist wohl das Leben…aber eben…es dreht sich langsam (oder schnell) alles eben doch ein bisschen zu schnell…danke für deine Worte.

  8. Reto sagt:

    Guter Artikel, um die eigenen Gewohnheiten mal etwas kritischer zu hinterfragen. Danke auch für die Tipps, kann ich nur unterstreichen.

    Wenn die Disziplin fehlt, kann man sich auch mit entsprechenden Apps selbst einen Riegel vorschieben, bspw. https://play.google.com/store/apps/details?id=cz.mobilesoft.appblock oder für den Browser https://chrome.google.com/webstore/detail/news-feed-eradicator-for/fjcldmjmjhkklehbacihaiopjklihlgg

  9. Malik sagt:

    Tipp 8:
    Hack your phone, Flugmodus, ‘Nicht stören’ Funktion gibt’s nicht umsonst. Auch Push Nachrichten lassen sich einstellen.

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