Petzold, Matthias: Die Multimedia-Familie – Mediennutzung, Computerspiele, Telearbeit, Persönlichkeitsprobleme und Kindermitwirkung in Medien

Petzold, Matthias: Die Multimedia-Familie. Mediennutzung, Computerspiele, Telearbeit, Persönlichkeitsprobleme und Kindermitwirkung in Medien, Opladen 2000 (Virtuelle Welten, Bd. 2). ISBN 3-8100-2643-3. 29,80 DM.

Themen: Familienentwicklungspsychologie, Geschlecht, Produktivität, Qualifikation, (neue) Selbstständigkeit, soziale Differenzierung, soziale Isolierung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Abstract
Mit Blick auf den Fokus Familie diskutiert Petzold die psychologischen Auswirkungen der Multimediawelt. Hierbei werden verschiedene Bereiche des familalen Zusammenlebens berücksichtigt (Veränderung des Familienalltags, Konsumzwänge, Nutzung von Bildschirmspielen, Persönlichkeitstypen, Telearbeit und Mitwirkung von Kindern in den Medien). Dabei vertritt Petzold die Position, daß die Probleme nicht in den Medien selbst liegen, sondern in der Kompetenz der NutzerInnen, die Medien kritisch und mit Gewinn für sich einzusetzen. Im Kapitel 5.0 Telearbeit (S.81-93) werden die psychosozialen Auswirkungen der Telearbeit und weitere Konsequenzen für die Familie erörtert.

Inhaltsverzeichnis
5.0 Chancen und Probleme durch Telearbeit
5.1 Formen von Telearbeit
5.2 Individuelle Voraussetzungen
5.3 Geschlechtstypische Aspekte der Telearbeit
5.4 Vereinbarkeit von Beruf und Familie
5.5 Zukunftschancen von Telearbeit

Bewertung
Eine knappe aber auch instruktive Zusammenschau der Forschungsliteratur. Nicht immer nachvollziehbar sind Interpretationen der Literatur hinsichtlich optimistischer oder pessimistischer Einschätzung der Auswirkungen von Telearbeit (TA). Denn der Autor legt seinen Maßstab zur Einschätzung der Relevanz von negativen oder positiven Ergebnissen nicht offen und somit bleibt die Darstellung oft summarisch.

Inhalt

5.0 Chancen und Probleme durch TA
Eingangs referiert Petzold die „optimistischen“ Zahlen zur bereits bestehenden Verbreitung in den USA und der BRD sowie der künftigen quantitativen Entwicklung von TA.

5.1 Formen von TA
Anschließend definiert der Autor in Anlehnung an (Büssing/Aumann (1996))die vier wichtigsten Organisationsformen von TA (Teleheimarbeit, alternierende TA, kollektive TA in Nachbarschafts- oder Satellitenbüros sowie die mobile TA).

5.2 Individuelle Voraussetzungen
Bei der Frage der individuellen Voraussetzungen legt Petzold pessimistischere Einschätzungen („Kolonisierung der Familie“) aus der Literatur zugrunde und betont eine schichtspezifische Perspektive. Demnach unterscheiden sich die Auswirkungen bei Unterschichtsangehörigen und Leitenden Angestellten, Technikern und Akademikern. Die Schlußfolgerung daraus lautet, daß TA sich eher für Arbeitnehmer mit höherer Bildung eignet, die sich selbst kontrollieren und motivieren können sowie gut organisiert und selbstbewußt sind. Dabei würden aber die Vorteile häufig überschätzt. Die Auswirkung der negativen Bedingungen von Telearbeit hängt wesentlich von den jeweils individuellen Dispositionen ab. Das Hauptproblem der Isolation kann aber durch „adäquate Copingstrategien“ überwunden werden.

5.3 Geschlechtstypische Aspekte der TA
Ausgehend von der Ulrich Beckschen (1986) Individualisierungsannahme konstatiert Petzold den zunehmenden Willen zahlreicher Frauen nach Berufstätigkeit. Angesichts der Notwendigkeit von Kinderbetreuung erscheint vielen Frauen Teleheimarbeit als ideale Alternative zu den beruflichen Pflichten eines Fulltime-Jobs. Männer begrüßen zwar in der Regel diese Tätigkeit (Einkommen, Selbstverwirklichung der Frau), erwarten aber dennoch die Erfüllung von Familienpflichten sowie zeitliche Verfügbarkeit. Geschlechtsspezifische Unterschiede zeigen sich in den Motiven für Teleheimarbeit. Während Frauen oft bereit sind, gering qualifizierte und niedrig bezahlte Arbeiten zu übernehmen (um überhaupt im Beruf zu bleiben oder die Familienphase zu überbrücken), sehen Männer in qualifizierter TA eher die Chance einer verbesserten beruflichen Perspektive (sich selbständig zu machen sowie eine größere Unabhängigkeit). Es besteht die Gefahr, daß TA für weniger interessante Projekte vergeben wird und daß in TA Beschäftigte weniger Akzeptanz erfahren. Frauen fürchten insbesondere die soziale Isolation, wenn sie ausschließlich zuhause arbeiten.

5.4 Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Petzold beschreibt den Lernprozeß des sozialen Nahbereichs von Telearbeitenden, der zunächst durchgemacht werden muß, wenn jemand räumlich anwesend aber nicht ansprechbar ist. Er hält die These vom elektronischen Einsiedler, der keine zwischenmenschlichen Kontakte hat, für eine „Fehlwahrnehmung“. Ungeachtet dessen beklagen insbesondere Frauen den mangelnden betrieblichen Kontakt und die ungenügende Abschirmung zu Hause. Letzeres deutet darauf hin, daß die Aufhebung der räumlichen Trennung für Frauen das Problem der Vereinbarkeit von Berufsarbeit und Familienarbeit lösen würde. Individuelle Dispositionen bestimmen wiederum die Breite des Problemlösungspotentials. Die Urteile der referierten Studien, insbesondere mit Blick auf die alternierende TA, fallen zwar optimistisch aus, sind aber durchaus zwiespältig, wenn die herrschenden gesellschaftlichen und arbeitsmarktlichen Bedingungen in Rechnung gestellt werden: Effektivitätsprobleme, Doppelbelastung und Isolationsgefühle sind Probleme, die in Abhängigkeit von den jeweils individuellen Bedingungen mehr oder weniger zufriedenstellend angegangen werden können.

5.5 Zukunftschancen von TA
Nach Petzold beinhaltet die TA zwar ein mögliches Potential an positiver sozialer Sprengkraft, allerdings könnten die Auswirkungen nicht in einem Satz zusammengefaßt werden, weil die geschlechtstypischen, schichtspezifischen und individuellen Unterschiede eine Verallgemeinerung nicht zulassen. Mit Blick auf die Familie hängt alles von der Art der Realisierung von TA ab. Eine allgemein gültige Richtlinie gibt es nicht.

21.02.2001; KS

Veröffentlicht in Telearbeit - Literatur