Kleemann, Frank / Voss, Günter G.: Telearbeit und alltägliche Lebensführung

Kleemann, Frank / Voss, Günter G.: Telearbeit und alltägliche Lebensführung, in: Büssing, André/Seifert, Hartmut (Hg.): Die Stechuhr hat ausgedient. Flexiblere Arbeitszeiten durch technische Entwicklungen. Berlin 1999 (Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, Bd. 12), S. 147-172. 216 S. ISBN 3-89404-872-7. 27,80 DM.

Themen: Arbeit und Freizeit, Arbeitsstile, Arbeitsverständnis, Industriesoziologie, Konzept alltägliche Lebensführung, Personalmanagement, Qualifikation, Selbstdisziplinierung.

Abstract
Kleemann/Voß schlagen einen Wechsel der Analyserichtung der Teleheimarbeit im Sinne einer subjektorientierten soziologischen Forschungsperspektive vor. Teleheimarbeit ist dabei eine aktive Leistung, die in praktischer Auseinandersetzung mit den betrieblichen Bedingungen erbracht werden muß.

Inhaltsverzeichnis
1. Telearbeit und Alltagsorganisation – ein Desiderat der bisherigen Forschung
2. Die Gestaltung von Teleheimarbeit im Kontext alltäglicher Lebensführung
3. Empirische Veranschaulichung: Auswirkungen unterschiedlicher Formen von Lebensführung auf die Strukturierung von Teleheimarbeit
4. Konsequenzen eines neuartigen Verhältnisses von ‚Arbeit‘ und ‚Leben‘ in Teleheimarbeit
5. Schlußbetrachtung

Bewertung
Der Text macht nicht nur das theoretische „Konzept der alltäglichen Lebensführung“ empirisch fruchtbar, sondern zeigt zugleich die Ergiebigkeit von Fallstudien. Dabei gelingt es, „eine ganzheitliche, den gesamten alltäglichen Lebensrahmen (…) integriert erfassende Sichtweise“ zu entwickeln, mit der die Arbeitstätigkeit in ihrer systematischen Einbindung in das Gesamtspektrum der Alltagstätigkeiten untersucht werden kann.

Inhalt

1. Telearbeit und Alltagsorganisation – ein Desiderat der bisherigen Forschung
Ausgehend von den vielfältigen Begriffsdefinitionen (reine und alternierende Telearbeit, IuK-gestützte Mobilarbeit, kollektive Telearbeit in Telearbeitszentren sowie Arbeit in virtuellen Unternehmen) bezeichnen die Autoren für Deutschland vor allem die IuK-gestützte Mobilarbeit sowie die alternierende Teleheimarbeit als quantitativ von Bedeutung.

2. Die Gestaltung von Teleheimarbeit im Kontext alltäglicher Lebensführung
Kleemann/Voß sehen das entscheidend Neue an Telearbeit in der systematischen raum-zeitlichen Auslagerung der Arbeit aus dem Betrieb. Die Arbeit wird auf eine neue Weise in den privaten Alltag der Person eingebettet. Die bisherige betriebliche Strukturierung des Arbeitsalltags ist aufgehoben. Neben erweiterten Spielräumen für die Gestaltung der Arbeit bedeutet dies zugleich ein neues Verhältnis von Erwerbsarbeit und privaten Aktivitäten.

3. Empirische Veranschaulichung: Auswirkungen unterschiedlicher Formen von Lebensführung auf die Strukturierung von Teleheimarbeit
Der vorgeschlagene Perspektivenwechsel erfolgt mit Blick auf das von Voß maßgeblich mit entwickelte „Konzept der alltäglichen Lebensführung“, „mit dem die bei Teleheimarbeit erforderlich werdenden aktiven Leistungen der Person für eine Neugestaltung des Verhältnisses von Erwerbsarbeit und anderen Lebensbereichen differenziert in den Blick genommen werden können“ (S.151). Hier erhält die Erwerbsarbeit den Stellenwert eines Teilsystems bei dem in mehreren Dimensionen (räumlich, zeitlich, sachlich, sozial, sinnhaft und medial) des alltäglichen Handelns Strukturierungsleistungen zu erbringen sind. Konstitutiv sind Gestaltungsspielräume und der Zwang zum selbständigen Handeln mit erhöhtem Strukturierungs- und Koordinationsaufwand. Das beinhaltet zunächst eine „erhebliche Anforderung zur Anpassung der Arbeit an die Bedingungen des häuslichen Privatlebens“ (S.153f.).

4. Konsequenzen eines neuartigen Verhältnisses von ‚Arbeit‘ und ‚Leben‘ in Teleheimarbeit
Kleemann/Voß untersuchen die betrieblichen und privaten Rahmenbedingungen von TeleheimarbeiterInnen daraufhin, wie die Arbeit im Rahmen unterschiedlicher Grundmuster der Lebensführung gestaltet wird. Anhand dreier Fallbeispiele veranschaulichen sie, daß die Einbettung und Strukturierung der Teleheimarbeit in den Alltag vor dem Hintergrund nahezu gleicher „objektiver“ Arbeits- und Lebensbedingungen variiert. Dabei können sie anhand der Arbeitszeiten und der Techniknutzung zeigen, wie sich in Teleheimarbeit die zugrundeliegenden Mechanismen der Arbeitsstrukturierung gegenüber betrieblicher Arbeit systematisch verändern.
Fall I: Reaktive Separierung – Teleheimarbeit als Möglichkeit des Rückzugs von der betrieblichen Arbeit vor dem Hintergrund einer tendenziell instrumentalistischen Arbeits- und Lebensorientierung im Rahmen einer relativ traditionalen alltäglichen Lebensführung.
Fall II: Partikulare Optimierung – Teleheimarbeit als Möglichkeit im Rahmen einer flexiblen raum-zeitlichen Gestaltung zur selbstbezogenen Entfaltung eigenen Wohlbefindens.
Fall III: Methodische Integration – Teleheimarbeit als Möglichkeit zur besseren Verbindung von beruflichen und familialen Ansprüchen bei gleichzeitig ausgeprägter Berufsorientierung.
Anhand dieser Fallbeispiele, deren ‚objektive‘ Arbeits- und Lebensbedingungen weitgehend ähnlich sind, lassen sich drei Modi der Strukturierung von Teleheimarbeit entwickeln, durch die auch die Art der Techniknutzung geprägt wird. Mit Blick auf die Logiken der alltäglichen Lebensführung lassen sich reaktive Familienzentrierung (Fall I: Reaktivität kennzeichnet die Gestaltung beider Sphären), aktive Berufszentrierung (Fall II: Aktivität im Beruf und Reaktivität in der Familie) und aktive Berufs- und Familienzentrierung (Fall III: Aktivität in der Gestaltung beider Sphären) unterscheiden.
Die Nutzungsweisen der IuK-Technologien erweisen sich als unterstützende Faktoren für den jeweils gewählten Modus der Arbeitsstrukturierung. Das bedeutet, daß die Techniknutzung primär von der konkreten Verwendungsweise und Ausgestaltung der Technik durch die Arbeitenden selbst bestimmt wird und nicht durch betriebliche Vorgaben der Technikorganisation.
Teleheimarbeit kann in erheblichen Maße den gesamten Lebensrahmen einer Person verändern. Daher stellen sich neuartige Qualifikationsanforderungen, um die erweiterten „Möglichkeiten, Arbeit und Leben individuell zu verbinden“ zu nutzen. Gleichzeitig konstatieren Kleemann/Voß gravierende neuartige Risiken, die darin bestehen, daß die Anforderungen anderer Lebensbereiche nicht von der Arbeit ferngehalten werden können. Wenn es nicht gelingt, sich ohne äußeren Zwang zu motivieren und die Arbeitsaufgaben zu strukturieren, dann droht eine verschärfte Instrumentalisierung des Privatlebens. Außerdem sind für eine Arbeitstätigkeit ohne die gewohnten betrieblichen Strukturierungen extrafunktionale Qualifikationen erforderlich, die sich als gezielte „Selbst-Sozialisation“ bezeichnen lassen.
Die Betriebe sind mit einem neuartigen Mitarbeiterverhalten konfrontiert, das nicht mehr der „Logik des Betriebs“, sondern der „Logik des eigenen Lebens“ folgt. Die bisherige Devise „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“ wird zunehmend dysfunktional. Die Betriebe sollten daher ihre strukturelle Gleichgültigkeit gegenüber der Besonderheit der konkreten Arbeitsperson aufgeben. Das erfordert ein umsichtiges „Coaching“, das „die ganze Person“ berücksichtigt.

5. Schlußbetrachtung
In ihrer Schlußbetrachtung betonen Kleemann/Voß die anhaltend wichtige Rolle tradierter kultureller Muster bei der Gestaltung von Arbeit und Freizeit sowie ihre hohe Prägekraft für die Strukturierungsmodi der Arbeitspraxis. Sie entwickeln eine im Sinne der ArbeitnehmerInnen insgesamt optimistische Sichtweise der Teleheimarbeit; insbesondere hinsichtlich des Potentials von neuen arbeitskulturellen Mustern und Strukturierungsmodi sowie der Möglichkeit eines neuen Stils des Arbeitens.

10.01.2001; KS

Veröffentlicht in Telearbeit - Literatur