Ein Plädoyer für den Datenschutz, Privatsphäre und die Freiheit

Smart und nachhaltig – das sind Attribute, die dem Amsterdamer Bürokomplex „The Edge“ weltweite Anerkennung eingebracht haben. Das Gebäude gilt nicht nur als besonders umweltfreundlich, eine durchdachte Vernetzung ermöglicht den dort Beschäftigten, ihren Arbeitsplatz ganz ihren Bedürfnissen nach Schatten, Belüftung und Beleuchtung anzupassen. Klingt gut- nach wegweisender Architektur, die den CO2-Abdruck verkleinert und indirekt die Produktivität der dort Beschäftigten steigert. Unsere Gastautorin Ulla Coester ruft Sie dazu auf, Ihre Meinung zum Datenschutz, zur Privatsphäre und Freiheit zu überprüfen und macht anhand des Vorzeigeprojektes „The Edge“ deutlich, weshalb eine Auseinandersetzung dringend notwendig ist.

Dies ist ein Plädoyer dafür die eigene Meinung zum Datenschutz, Privatsphäre und Freiheit zu überprüfen, insbesondere im Hinblick auf zwei essenzielle Fragen.

Die erste Frage, der sich jeder generell stellen sollte: „Wie wollen wir eigentlich unser Leben gestalten, was ist ein gutes Leben – wie oft denken wir nach über unsere Wünsche und Vorstellungen.“

Die zweite Frage, die damit im Prinzip einhergeht: „Sind wir heute besser manipulierbar, ist uns überhaupt bewusst, dass dies theoretisch sein könnte – und wem kann dann eigentlich noch vertraut werden.“

Mit fortschreitender Digitalisierung ist meines Erachtens angebracht sich nicht nur mit diesen beiden Themenstellungen näher zu befassen, sondern auch schon damit, wie viel Freiheit wir bereit sind aufzugeben für ein Mehr an Komfort. Dies lässt sich gut an „The Edge“ – einem Bürohaus in Amsterdam diskutieren: Es gilt als eines der nachhaltigsten Gebäude der Welt, weil alles vernetzt ist und sich daraus sehr viel Potenzial für intelligente Steuerungssysteme ergibt. Nicht nur, dass sich hier mehr Energie produzieren lässt als die Mitarbeiter verbrauchen – bis hin zur Bewässerung der Pflanzen ist alles smart. Auch im Alltag der Mitarbeiter: Ihnen wird zum Beispiel täglich der zum Zeitplan passende Arbeitsplatz zugewiesen, automatisch das Parkhaustor geöffnet und der Kaffee so zubereitet, wie sie ihn am liebsten trinken. Alles, was ein Angestellter tut, wird registriert – von der Temperatureinstellung im Büro bis hin zum Gang auf die Toilette. So weiß „The Edge“ – und damit letztendlich der jeweilige Arbeitgeber – dank Big Data, theoretisch alles über Jeden, zumindest im Büro. Aber es kommt noch ein weiterer Aspekt dazu – wenn alles automatisiert passiert, ist es ziemlich aufwändig eine Routine zu durchbrechen, also wird dies eher vermieden, um die eigenen Kräfte zu schonen. Problematisch ist nur, dass der Mensch eigentlich ein nicht-lineares Wesen ist – dies bedeutet, dass Entscheidungen aufgrund von bestimmten Umständen jeweils komplett gegensätzlich getroffen werden können, also nicht mit dem gewohnten Verhaltensmuster übereinstimmen. Präzise ausgedrückt: Jedermann kann sich jederzeit vollkommen anders entscheiden, als er das in der Vergangenheit getan hat.

Doch noch einmal zurück zum Aspekt des Komforts – wie beispielsweise in „The Edge“ geboten. Dies mag für die einen ein Traum sein, für andere ist die ständige Überwachung jedoch ein Alptraum. Wer hat Recht, wie lässt sich das ermitteln und wie kann der Einzelne sein individuelles Recht umsetzen? Noch müssen viele Einsatzmöglichkeiten der Technologie nicht diskutiert werden, da existierende Datenschutzgesetze deren ausschweifender Nutzung per se einen Riegel vorschieben. Andererseits sind die Datenmengen, die so manches Unternehmen über seine Nutzer gesammelt, um Profile daraus zu erstellen und Kaufanreize zu motivieren auch schon ein guter Grund, ins Grübeln zu kommen. Hierzu eine Information am Rande: Durch den Informationskapitalismus „weiß ein einziges Unternehmen genau Bescheid über den geografischen Aufenthaltsort einer Person aufgrund jeweils aktualisierter Bewegungsprofile, dessen finanzielle Lage, aber auch über sexuelle Präferenzen sowie politische Überzeugungen und hat insgesamt mehr Informationen bezüglich der Zukunftspläne jedes Einzelnen als die CIA, die KGB-Nachfolgeorganisation sowie der Mossad zusammen“ [1].  

Diese Fakten müssten doch tatsächlich ernsthaft zum Nachdenken anregen, nicht zuletzt darüber, warum manch einer den Datenschutz eher als Hemmnis denn als Schutz seiner eigenen Persönlichkeitsrechte sieht.

Von daher denke ich, dass Regeln und Gesetze als Basis für die Einigung auf ein Grundverständnis auch weiterhin wichtig bleiben werden. Allein unter dem Aspekt, dass die Möglichkeit des Guten unmöglich vom Risiko des Übels zu trennen ist und jeder Technologie auch das Potential für eine missbräuchliche Verwendung innewohnt. Hinzu kommt, dass die Technik sich einfach zu schnell entwickelt, als dass der Mensch das Ausmaß der Anwendungen vollends begreifen kann. Viele Deutsche sehen dies wohl ähnlich, denn sie sind mehrheitlich – wie verschiedene Umfragen belegen – der Meinung, dass Unternehmen in der Pflicht stehen Richtlinien für den Datenschutz aufzustellen und einzuhalten  

Verständlich, denn es geht beim Datenschutz nicht darum, Daten ihrer selbst willen zu schützen. Es geht vielmehr um den Schutz der Privatsphäre der Personen, denen die Daten zugeordnet werden. Diese müsste im Grunde genommen als fundamentales Menschenrecht anerkannt werden, weil doch dem Einzelnen die Entscheidung darüber zugestanden werden sollte, was er von sich preisgeben möchte. In der überwiegend analogen Welt lässt sich dies noch umsetzen – zum Beispiel, indem alles getan wird, dass Daten über ein Krankheitsbild, die ein Arzt erhebt nicht in falsche Hände geraten. Dieser Anspruch besteht beim Surfen im Web de facto nicht – die Recherche zu dem eigenen Krankheitsbild fließt einfach in das Profil ein und Ergebnisse daraus können uneingeschränkt verwendet werden. Doch warum vergrößern sich trotzdem jeden Tag kontinuierlich die Datenmengen bei bestimmten Unternehmen? Das hängt keinesfalls nur mit der – für Viele unklaren – Definition des Begriffs „Datenschutz“ zusammen, sondern auch mit den absichtlich kaum vorhandenen Möglichkeiten, sich zur Wehr setzen zu können und letztendlich wird dem Fatalismus das Spielfeld überlassen. Hier muss der Staat eingreifen und Spielregeln festlegen, damit die wirtschaftlichen Interessen nicht die Grundrechte der Bürger aushöhlen.

Aber die Bürger können sich nicht nur auf den Staat verlassen – denn manchmal möchten die Regierenden auch von der verbotenen Frucht naschen. Zum Beispiel in China, wie die Einführung des „citizen score“ zeigt. Hier wird jede noch so kleine, digital nachvollziehbare Handlung erfasst und mittels intelligenter Analysemechanismen zur Bewertung einer Person verwendet.

An diesem Bespiel wird spätestens klar, dass zum einen Jeder für die Gestaltung der Gesellschaft in der Verantwortung steht – es aber andererseits ohne Datenschutz keine freien eigenständig denkenden Individuen geben kann und somit auch keine in Demokratie lebende Gesellschaft.


[1] U. Coester: „Digitale Ethik – ein Problem in der Marktforschung? Ja, definitiv – denn wir müssen die Chancen und Risiken abwägen…“, in „Marktforschung für die Smart Data World – Chancen, Herausforderungen und Grenzen“ Springer Gabler, Wiesbaden 2020

Autorin: Ulla Coester, xethix Empowerment, Köln
Beraterin & Moderatorin Digitale Vertrauenswürdigkeit & Ethik/Digitales Management,
Lehrbeauftragte Hochschule Fresenius Köln,
Mitwirkende Normungsroadmap KI|AG Grundlagen 

Lesen Sie zur Vertiefung gerne auch „Fragen bezüglich der digitalen Zukunft -zweiter Teil“ von Ulla Coester (externer Link).

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