Töpsch, Karin: Telearbeit als technische und soziale Innovation

Töpsch, Karin: Telearbeit als technische und soziale Innovation, in: Braczyk, Hans J. / Fuchs, Gerhard (Hg.): Informationstechnische Vernetzung. Berichte aus Projekten der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg. Baden-Baden 1998, S. 53-66. 207 S. ISBN 3-7890-5602-2. 44,00 DM.

Themen: Arbeits- und Tarifrecht, Arbeitszeit/Gestaltung, Erwerbsformen, Flexibilisierung, Grenzen des Technologie-Einsatzes, Organisationsforschung, Personalmanagement, Produktivität, Tele-Management, Unternehmensstrukturen, Zeitsouveränität.

Abstract
Der Beitrag will verdeutlichen, daß zur erfolgreichen Einführung von Telearbeit technische Innovationen allein nicht genügen, sondern gleichzeitig soziale Innovationen im Hinblick auf organisatorische, institutionelle und rechtliche Voraussetzungen erfolgen müssen.

Inhaltsverzeichnis
1. Telearbeit als Innovation
2. Technische Innovation und aktuelle Anwendungsfelder
3. Telearbeit als institutionelle Innovation: die Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsort
4. Telearbeit als organisatorische Innovation: die Veränderung von Koordination und Steuerung
5. Regulation von Telearbeit – neue Ebenen, Formen und Inhalte
6. Perspektiven
Literatur

Bewertung
Prinzipielle Positionsbestimmung und grundlegende Analyse der Barrieren der Diffusion von Telearbeit. Insofern für Politik und Praxis horizonterweiternd.

Inhalt

1. Telearbeit als Innovation
Töpsch definiert Telearbeit (TA) im Rahmen von abhängiger Beschäftigung und läßt freie MitarbeiterInnen außen vor, „weil der Grad der Einbindung von Telearbeitern in betriebliche Abläufe erhebliche Konsequenzen für die organisatorische und regulatorische Dimension von TA hat und somit zwischen beiden Formen zu differenzieren ist“ (S.53). Die rasante Verbreitung von Technologien, der Bedeutungszuwachs der Informationsver- und -bearbeitung sowie der Trend zur organisatorischen Dezentralisierung haben dazu geführt, TA als Instrument der Gestaltung von Arbeit in der Wissens- und Informationsgesellschaft zu begreifen. Die Autorin konstatiert eine wachsende Nachfrage bei den MitarbeiterInnen (zeitliche Flexibilität, Einsparung von Mobilitätskosten, gesteigerte Effektivität) und bei den Unternehmen (Einsparung von Kosten, Produktivität, höhere zeitliche Flexibilität), hohe Erwartungen an die Effekte für Arbeitmarkt und Beschäftigung sowie gleichzeitige Ernüchterung angesichts der tatsächlichen Beschäftigtenzahlen und des ausbleibenden Take Off von TA. Diese widersprüchliche Situation verweist zurück auf die Rahmenbedingungen des ausgebliebenen „Take-off“ in Deutschland, die manifeste Umsetzungsbarrieren nahelegen.

2. Technische Innovation und aktuelle Anwendungsfelder
Inwiefern sind es technische Defizite, d.h. fehlende technische Innovationen, die eine weitere Verbreitung von TA erschweren? Die Autorin kommt zu der Einschätzung, daß die primär technischen Probleme in den meisten Unternehmen beherrschbar und im Hinblick auf die Diffusion als nachrangig angesehen werden können. Problematisch sind eher die Kostenseite und die fehlenden Standards sowie das gesellschaftlichen Nachhinken bei der Verbreitung des Internets in Deutschland.

3. TA als institutionelle Innovation: die Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsort
Welche sozialen Innovationen sind für eine erfolgreiche Umsetzung bedeutsam? Die Konsequenzen der Aufhebung der engen Kopplung von Zeit und Ort zur Erfüllung der Arbeitsleistung kehrt die bisherige Struktur sozialer Praxis um. Bisher herausgebildete formalisierte und nicht kodifizierte Regeln sowie Arbeitsroutinen werden tendenziell außer Kraft gesetzt. Dieser Eingriff in die bestehenden Organisationsstrukturen bedarf aber auch einer Veränderung der Koordinations- und Steuerungsmechanismen. Die neuen Freiheitsgrade bei der Arbeitszeitgestaltung und der Integration der Mitarbeiter in betriebliche Abläufe implizieren einen veränderten Status im Hinblick auf die Arbeitnehmereigenschaft.

4. TA als organisatorische Innovation: die Veränderung von Koordination und Steuerung
Die Entkopplung von Arbeitsort und Betrieb erfordert veränderte Mechanismen der Koordination und Steuerung. Die Notwendigkeit eines veränderten Führungsstils und neuer Koordinations- und Steuerungsmechanismen wird meist relativ schnell deutlich. Das Management von Anwesenheit ist offensichtlich tief mental verwurzelt (vom mittleren Management kommen die größten Widerstände gegen TA). Bei Abwesenheit des Mitarbeiters kann die Arbeitsleistung nicht mehr kurzfristig und spontan gesteuert werden. Vereinbarungen müssen mittelfristig und über längere Zeithorizonte getroffen werden. Das „Management by Objectives“ wird somit zur Voraussetzung der Schaffung von Telearbeitsplätzen. Doch gerade in der ergebnisorientierten Koordination liegen auch die Fallstricke, weil das, was bei physischer Anwesenheit gut funktioniert, mitunter bei TA an Grenzen stößt. Daher wird TA unter den gegebenen äußeren Bedingungen oft nicht eingeführt und auch auf die Virtualisierung ganzer Gruppen bewußt verzichtet.

5. Regulation von TA – neue Ebenen, Formen und Inhalte
Die Verschiebungen im Arbeitnehmer/Arbeitgeber-Verhältnis verlangen den betrieblichen wie überbetrieblichen Akteuren ein verändertes oder zumindest neu reflektiertes Verständnis von Arbeitsregulation ab.
Töpsch kann auf gesetzlicher Ebene keine Regelungen sehen, die sich restriktiv auswirken. Auf tariflicher Ebene findet die Regulation vor allem auf betrieblicher Ebene statt. Restriktionen werden dann spürbar, wenn sich Betriebsrat und Management nicht einigen können.
Die Auslagerung von Arbeitsplätzen bringt zum einen tendenziell eine Individualisierung der Arbeitsbeziehungen und zum anderen eine neue Abgrenzung zwischen abhängiger Beschäftigung und Selbständigkeit mit sich.

6. Perspektiven
Ohne die dargelegten sozialen Innovationen wird eine weitere Verbreitung von TA ausbleiben. Denn es sind nicht ungelöste technische Probleme und, trotz der Gefahr betrieblicher Unter- oder Überregelung, auch nicht in erster Linie die rechtlichen Rahmenbedingungen, sondern vor allem sind es die sozialen Innovationen im Sinne institutioneller und organisatorischer Veränderungen, die sich nur sehr langsam vollziehen.

26.03.2001; KS

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