Wirtz, Bernd W.: Wissensmanagement und kooperativer Transfer immaterieller Ressourcen in virtuellen Netzwerken

Wirtz, Bernd W.: Wissensmanagement und kooperativer Transfer immaterieller Ressourcen in virtuellen Netzwerken, in: Albach, Horst / Specht, Dieter / Wildemann, Horst (Schriftleitung): Virtuelles Unternehmen. Zeitschrift für Betriebswirtschaft. Ergänzungsheft 2/2000, S. 97-114. ISBN 3-049-11628-1; ISSN 00444-2372. 98,00 DM.

Themen: Betriebswirtschaftslehre, Knowledge-Management, Managementkonzepte, Virtuelle Unternehmen.

Abstract
Ausgehend von anerkannten Wettbewerbsvorteilen aufgrund der kooperativen Hervorbringung und Nutzung immaterieller Ressourcen diskutiert der Autor das in der betriebswirtschaftlichen Forschung vernachlässigte Problem entstehender Poolressourcen in virtuellen Netzwerken sowie Transfermöglichkeiten und -grenzen immaterieller Ressourcen.

Inhaltsverzeichnis
A.) Virtuelle Organisationsnetzwerke als Paradigma der Informationsökonomie
B.) Wettbewerbsvorteile durch kooperative Nutzung und Generierung immaterieller Poolressourcen
C.) Steuerungsmechanismen für das Management immaterieller Poolressourcen in virtuellen Organisationsnetzwerken
D.) Implikationen

Bewertung
Der Beitrag schlägt Lösungen für ein verbessertes Management kooperativer Ressourcen vor und gibt Gestaltungshinweise für die Unternehmenspraxis. Durchaus praxisrelevante theoretische Erörterung des zentralen Problems virtueller Netzwerke.

Inhalt

A.) Virtuelle Organisationsnetzwerke als Paradigma der Informationsökonomie
Wirtz konstatiert angesichts breiter praktischer Akzeptanz des Organisationsmodells der „virtuellen Unternehmung“ eine gewisse konzeptionelle Unschärfe. Als Ursache führt er neben dem Entstehen einer „Informationsgesellschaft“ und Informationsökonomie den unternehmensübergreifenden Kooperationsaspekt flexibler und netzwerkorientierter Wertschöpfungspartnerschaften an. Dabei grenzt der Verfasser den Begriff „virtuelle Unternehmung“ von dem des „virtuellen Organisationsnetzwerkes“ ab, weil derselbe den zentralen Konnektivitäts- und Koordinationsaspekt besser hervorhebt.

B.) Wettbewerbsvorteile durch kooperative Nutzung und Generierung immaterieller Poolressourcen
Der Wettbewerbsvorteil virtueller Organisationsnetzwerke besteht zum einen aus der integrativen Zusammenführung von Kernkompetenzen und zum anderen in dem Zugang zu unterschiedlichen Formen des Know-how bzw. dem kooperativen Wissenstransfer. Aus der „ressource based view theory“ geht hervor, daß insbesondere aus immateriellen Ressourcendispositionen wie dem Wissen nachhaltige Wettbewerbsvorteile resultieren. Diese Vorteilhaftigkeit ist eine Folge der schwierigen Imitierbarkeit und Transferierbarkeit infolge der Struktur und Generierung von Wissen. Die Fähigkeit, die intangible Ressource Wissen zu generieren kann nicht auf dem Markt erworben werden, sondern wird nur in einer Institutions- bzw. Organisationsform erzeugt. Der wissensbasierte Ansatz differenziert hier zwischen explizitem und implizitem Wissen. Während explizites Wissen im digitalen Zeitalter quasi zu einem transferierbaren und imitierbaren (duplizierbaren) öffentlichen Gut wird, läßt sich implizites Wissen nicht in dieser Form darstellen und vermitteln. Es ist zumeist in den Vorstellungen und Fähigkeiten von Menschen enthalten. Das Erlernen und Aneignen erfolgt über persönliche Interaktionen und entzieht sich kodifizierbaren Transferstrategien. Es ist tendenziell ein privates Gut und kann primär nur von denjenigen genutzt werden, die es generierten. Diese Tendenz bedeutet wiederum eine Gefahr für das Funktionieren virtueller Organisationsnetzwerke, die vor allem über kooperative Kernkompetenzen Wettbewerbsvorteile erzielen. Da über die Kooperation kollektive Lern- und Wissensgenerierungsprozesse erfolgen, entstehen zudem höherwertige Wissensformen (kollektive, kohärente und synergetische Wissensbasen), bei denen eingebrachtes implizites Wissen als netzwerkspezifisches Gut nicht mehr eindeutig abgegrenzt und leistungsorientiert verrechnet werden kann. Ein Problem besteht nun darin, daß solche kollaterale Güter nicht produziert werden, wenn die Gefahr von individuell „rationalem“ Trittbrettfahrer-Verhalten besteht.

C.) Steuerungsmechanismen für das Management immaterieller Poolressourcen in virtuellen Organisationsnetzwerken
Die damit verbundenen Steuerungsschwierigkeiten (eingeschränkte Kontrollmöglichkeiten, Mißbrauch und Bevorzugung kurzfristiger individueller Gewinnmitnahmen) von kooperativen Ressourcen werden als Erfolgshindernis begriffen. Ursache ist die Ressourceninterdependenz aufgrund der kooperativen Kompetenzgenerierung. Unterschiedliche Probleme ergeben sich in Abhängigkeit von der jeweiligen Ressourceninterdependenz (sequentiell oder gepoolt). Aus dem hohen Unsicherheitspotential, das sich aus dem dynamischen Markt, den flachen Hierarchien und den kaum kontraktfähigen Beziehungen ergibt, erwächst die Gefahr der Übernutzung bei gleichzeitiger Verarmung der gemeinsamen Ressourcen. Aber für Wirtz stellen weder Marktpreise noch rein hierarchisch-orientierte Koordinationsinstrumente eine effiziente Steuerungslösung dar. Er favorisiert aus der neuen Public Choice-Forschung empirisch bewährte Steuerungsansätze. Es handelt sich dabei um eine Kombination von Leitprinzipien zum gemeinsamen Management von Poolressourcen (eindeutige Abgrenzung der Nutzung, Kongruenzen zwischen Beiträgen und Nutzungen im Netzwerk, partizipative Regelungen für und durch das Netzwerk, Beaufsichtigung und Sanktion innerhalb des Netzwerkes, graduelles, netzwerkspezifisches Sanktionssystem) und dem Aufbau von Commitment und Vertrauen als besonders angemessenen und wirkungsvollen, aber auch „fragilen“ Steuerungsinstrumenten. Voraussetzung hierfür sind allerdings gemeinsam geteilte Zielvorstellungen oder Werte. Wirtz schlägt einen multiplen und pluralistischen Lösungsansatz als Kombination von situations- und strukturadäquaten Koordinationsinstrumenten vor.

D.) Implikationen
Abschließend plädiert der Autor, um Verdrängungsmechanismen zu vermeiden, für die weitere Beobachtung des vorgeschlagenen Koordinationsmixes.

15.02.2001; KS

Veröffentlicht in Wissensmanagement - Literatur