Ignoranzkompetenz und Künstliche Intelligenz

Autorin: Christiane Eckardt

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Ignoranzkompetenz“? Was gewinnen wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz durch das Erlernen dieser Kompetenz? Unsere Gastautorin Christiane Eckardt teilt interessante Erkenntnisse zum kompetenten Umgang mit Nichtwissen.

Vorab: Ignoranzkompetenz heißt nicht, die Kompetenz anderer – Experten, WissenschaftlerInnen, auch LehrerInnen und FreundInnen- einfach zu ignorieren und zu glauben, dass man einfach mal losplappert, ohne etwas zu wissen, nur mal so zu meinen, weil man ja das Recht auf eine eigene Meinung hat. 

„Ich weiß, dass ich nicht weiß“- diese Formulierung von Sokrates zeugt von kluger Selbsteinschätzung.

Alle wissen doch, dass wir als Einzelne auf vielen Gebieten unwissend sind.

Wir fahren ein Auto- die meisten von uns können nicht ganz genau erklären, wie das Auto im Detail funktioniert. Kaum jemand kann seine defekte Spülmaschine reparieren, sondern verlässt sich auf den Wartungstechniker.

Wir beweisen permanent, dass wir recht gut durch Leben kommen, indem wir souverän mit unserem Nichtwissen umgehen. Dies tun wir individuell in vielen Situationen, wir tun es aber auch im Beruf in Arbeitsgruppen und als Gesellschaft. Wir verlassen uns darauf, dass andere die Expertise haben für Themen, die wir nicht oder nicht komplett durchblicken. Diese Erkenntnis, dass wir uns auf die Expertise anderer verlassen müssen, vor allem, wenn es um existentielle Fragen geht, ist manchmal nicht so einfach auszuhalten. Die Corona -Pandemie liefert genügend Beispiele, wo dies nicht gelingt und Menschen einfache Antworten glauben zu wissen. Sie wissen nicht, dass sie nicht wissen. Ihnen fehlt Ignoranzkompetenz.

Ignoranzkompetenz hat, wer gelernt hat, zu vertrauen, dass Wissen verteilt ist, verteilt sein muss bei der Komplexität der heutigen Welt und dass es klug orchestriert ist. Klug orchestriert heißt, dass am Ende ein gutes Ergebnis für alle entstehen kann. Klug orchestriert heißt aber auch, dass wir Basiswissen benötigen, das uns den verantwortungsvollen Umgang mit Themengebieten ermöglicht. Wir machen den Führerschein, um ein Auto fahren zu können- wie wir es bedienen und wie wir uns im Straßenverkehr richtig verhalten – wir lesen die Gebrauchsanweisung der Spülmaschine.

Wenn wir diese Ignoranzkompetenz auch auf andere Themen, die uns beschäftigen, anwenden, gewinnen wir zusätzliche Chancen. Wir gewinnen Zeit und Energie, um uns mit grundsätzlicher Fragestellung zu einem Thema zu beschäftigen, wir können uns auf ein Gebiet, in dem wir gut sind, fokussieren. Wir können Themen, die uns wichtig sind, voranbringen, wenn wir nicht glauben, alles selbst bearbeiten und verstehen zu müssen. Künstliche Intelligenz (KI) gehört zu diesen Themen, bei dem viele Menschen denken, dass sie nicht mitreden können, weil sie keine Experten dafür sind. Es ist nicht erforderlich, dass wir die neuronalen Netze programmieren können. Wir müssen noch nicht mal im Einzelnen deren Funktionieren erklären können. Wir können aber verstehen, was KI unter welchen Einsatzbedingungen leisten kann. Wir reflektieren kritisch durch Hinterfragen und Sichern der Qualität, indem wir unsere Einschätzung mit anderen diskutieren. Vielleicht könnten viele, die eine solide Ausbildung haben, durchaus tief abtauchen in die (technischen) Themen. Aber ich persönlich tue es bewusst nicht- denn dann habe ich mehr Energie für übergeordnete Fragen. Wir können uns eine Meinung bilden, welche Einsatzfelder wir für sinnvoll und wichtig halten und was drittrangig ist für die Lebensqualität der Menschen. Wir können Einfluss nehmen, wie wir als Gesellschaft die Regeln definieren für den Einsatz von KI- so wie unsere Gesellschaft die Straßenverkehrsordnung festgelegt hat und technische Grundsätze für den Betrieb elektrischer Geräte.

Dann können wir uns bei den tieferen Details Ignoranzkompetenz leisten. Wir sollten klug überlegen, wo wir bewusst keinen Tiefgang üben, sonst überfordern wir uns und bekommen die wesentlichen Fragen nicht geregelt.

Christiane Eckardt hat jahrzehntelange Führungserfahrung in Industriefirmen, Non-Profit-Organisationen und in der Software-Industrie sowie in Beratungsunternehmen. Schon seit langer Zeit hat sie sich mit Führungsmodellen und Führungsorganisation beschäftigt. Rollenbasierte Modelle und laterales Führen gehörten schon lange nicht nur zu ihrem Beratungsrepertoire, sondern wurden selbst von ihr gelebt und ergänzt durch die digitale Kompetenz. Heute ist sie in diversen NonProfitbereichen als Führungskraft tätig. In der Integrata-Stiftung hat sie im Fachbeirat mitgearbeitet und im Kuratorium. Seit Dezember 2020 ist sie stellvertretende Kuratoriumsvorsitzende. Sie leitet außerdem die SIG Bildung. (SIG= special interest group)