Bollmann, Stefan / Heibach, Christine (Hrsg.): Kursbuch INTERNET

Bollmann, Stefan / Heibach, Christine (Hrsg.): Kursbuch INTERNET, Rowohlt Verlag Hamburg 1998, 480 Seiten.

Themen: Arpanet, Cyberkultur, Darpanet, Hypertext, MUD, Net-Cash.

Abstract
In 33 Beiträgen haben Experten des Internet in und um dieses Medium herum ein vielfältiges Netz geschlungen, das in beliebigen Ausschnitten angeschaut werden kann.

Inhaltsverzeichnis
Netzanschluss
Netz und Gesetz
Netz-Wirtschaft
Netzwesen
Die vernetzte Frau
Netz-Werk
Netz-Ästhetik

Bewertung

Ein recht locker aufgemachtes Buch zu allerlei Themen des Internet, gut für unerwartete Einblicke.

Inhalt

NETZANSCHLUSS
(1) In der Einführung von Mandel/Van der Leun werden Schlaglichter geworfen: Wie aus dem militärischen DARPANET (Defence Advanced Research Projects Agency) das zivile ARPANET wurde, der Ursprung des Internets. Der ursprüngliche Zweck dieses Netzes bestand im Austausch von (akademischen) Computerdateien; in dem Grundwerkzeug FTP (File Transfer Protocol) ist dieser Zweck weiter erhalten. (S. 22)
Zu den wichtigen Werkzeugen gehören auch Suchprogramme; die Rede ist dabei von Archie, einem sehr einfachen Suchprogramm, das schnell die Dateien der öffentlichen FTP-Verzeichnisse durchsuchen kann, desweiteren von Gopher („Wühlmaus“), ein durch Dateien-Verzeichnisse sich durchwühlendes Programm, das deren Inhalt in kleinen Fenstern präsentiert; und auch von Wais (Wide Area Information Service), ein anspruchsvolleres Suchwerkzeug, das einen einfachen Dialog mit dem Benutzer zulässt, wodurch die zum Finden benutzten Schlüsselwörter immer weiter verfeinert werden können. (S. 23)

(2) Es folgt unter dem Titel Vernetzt sein ein Gespräch mit Nicholas Negroponte, dem Gründungsdirektor des Medienlabors am MIT (Media Lab/Massachusetts Institute of Tech-nologie). Er erläutert die Grundidee dieses Labors anhand von drei ineinandergreifenden Ringen, von denen einer die Welt der Unterhaltung (TV) repräsentiert, ein anderer die Welt des Wissens (Verlage) und ein dritter die Interaktivität (Computer).
Negroponte erzählt, dass auch den Pionieren des 1985 gegründeten Medienlabors die Bedeutung des Internet nicht bewusst war, bis 1989, als am CERN (Europäisches Zentrum für Teilchenphysik) mit der Entwicklung des World Wide Web, einem Bewegungsinstrument im Internet, begonnen wurde. (S. 31)

(3) Büchse der Pandora nennt Ken Jordan, ein durch Online-Chats mit Künstlern hervor-getretener ehemaliger Verleger, das Internet. Wenn Interaktivität voll entfaltet ist, kann neben jedem professionellen Beitrag ein unprofessioneller stehen. Man weiß nicht, was aus dieser „Büchse“ herauskommt. (S. 57)

(4) In Cyberkultur geht Pierre Lévy auf ein historisches Datum ein: März 1989, als Tim Berners-Lee eine Vorlage für das CERN mit „World Wide Web: Proposal for a Hypertext Project“ betitelte. Hypertext bedeutetet nach Lévy „die Schaffung eines Netzes mit Informationsknoten“, wobei jedes Element „gleichzeitig ein Informationspaket und ein Navigationsinstrument“ ist. Seit das World Wide Web oder WWW 1993 in Betrieb genommen wurde, kam es zu einer ungeheuren Ausdehnung dieses Netzes und mit ihr zu einer Datenflut, die man mit Ascott (nach der Sintflut) „die zweite Flut“ nennen könne. (S. 62)

Für Lévy ist die (nachsintflutliche) Geschichte des Wissens in vier idealtypischen Schritten darstellbar:
1) Träger des Wissens war das Gedächtnis herausragender Menschen;
2) das Wissen wurde in Büchern gespeichert;
3) aus verschiedenen Büchern wurden Bibliotheken gebildet (strukturiert durch ein Netz von Verweisen, worin Lévy einen „Vorschein des Hypertext“ sieht);
4) durch Aufnahme dieses Wissens in das Internet können, als ob der Ursprung auf höherer Ebene wieder erscheint, lebendige Gemeinschaften zu den Trägern des Wissens werden. (S.64/65)
Eine paradox erscheinende Grundthese von Lévy lautet: „Je universeller (größer, interaktiver, vernetzter) er{der Cyberspace} ist, desto weniger ist er totalisierbar.“ {desto weniger kann ihm ein Wille aufgezwungen werden/MF — S. 72}
Der Cyberspace oder die Computer-vermittelte Kommunikation, so Lévy weiter, ist durch eine internationale soziale Bewegung entstanden, die von jungen, gebildeten Menschen in Städten getragen war. In den Anfängen hätten sie als anonyme, unentgeltlich arbeitende Menschen diesen virtuellen Raum aufgebaut und beständig die Kommunikationsmittel verbessert.

(5) Aufmerksamkeit — der Rohstoff der Informationsgesellschaft ist das Thema des Medienjournalisten Florian Rötzer. „Was nicht in die Aufmerksamkeit fällt, gibt es gewissermaßen nicht…“ (S. 89)
Rötzer bestimmt diesen ‚Rohstoff‘ so: „Aufmerksamkeit ist ein Filter zwischen dem, was sich wahrnehmen oder empfinden lässt, und dem, was ins Bewusstsein gelangen … kann.“ (S. 93)
Ein solcher ‚Filter‘, den Rötzer auch „mediales Geld“ nennt, werde in Zukunft Bestandteil von Computern sein.

(6) Dyson, Gilder, Keyworth und Toffler entwarfen 1994 die im Kursbuch abgedruckte (von anderen Autoren dort auch kritisch kommentierte) Magna Charta für das Zeitalter des Wissens.
In ihrer Präambel wird als zentrales Ereignis des 20. Jahrhunderts „der Sturz der Materie“ (S.104) gefeiert. Es folgt dann kurzgefasst die Drei-Wellen-Theorie Alvin Tofflers, nach der die ersten beiden Wellen {ungefähr mit dem übereinstimmend, was von anderen als feudale und als kapitalistische Produktionsweise bezeichnet wurde/MF} von „materiellen Produktions-faktoren“ bestimmt war, während dies für die dann folgende dritte Welle nicht mehr gelte: die „zentrale Ressource“ wird nun das „abrufbare Wissen“. (S. 105)

NETZ UND GESETZ
(7) In der 1996 von John Barlow niedergeschriebenen Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace ist programmatisch von neuer Freiheit die Rede, von einer Welt, in der jede(r) sich frei ausdrücken kann, „ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen.“ (S.121)
Barlow will den Cyberspace unabhängig erklären von allen Versuchen, geistige Produkte wie materielles Eigentum zu behandeln; dies habe keinen Platz in einer „Zivilisation des Geistes“. (S. 124)

(8) Von Marit Köhntopp ist Stacheldraht im Internet: Das Internet weise durch freie Kommunikation und hochgradige Interaktionsmöglichkeiten eine eigene Qualität auf gegenüber der Vervielfachung von Fernsehprogrammen.
Noch weitgehend unklar seien die Rechtverhältnisse im Internet; denn das vorherrschende Territorialprinzip des Rechts könne in diesem globalen Raum nicht wirksam werden.
Eine Geamtverantwortung für das Internet gibt es nicht. Als Rechtspersonen werden in erster Linie unterschieden:
— Betreiber (die Hard- und Software und technische Dienste zur Verfügung stellen)
— Anbieter (die Inhalte zur Verfügung stellen — Content Provider)
— Abrufer (die Angebote nutzen) (S. 127 f)
Ein großes Problem ist das Urheberrecht, und zwar deshalb, weil sich Dateien auf leichte Weise verändern bzw. neu zusammenstellen lassen, wodurch die Rechte des ursprünglichen Schöpfers unter Umständen verloren gehen. (S.137 f)

(9) In Markt, Staat oder Gemeinschaft stellen K. Beck und G. Vowe die Frage nach der Art von Regulierungen, die das Netz zu erwarten hat. Der (internationale) Markt kommt als Regulierungsinstanz in Frage, ebenso der Staat bzw. eine aus Staaten hervorgehende Instanz (die etwa den Netzausbau nach dem Muster eines von einer Regierung gesteuerten Straßen-ausbaus reguliert), und nicht zuletzt die Gemeinschaft der Nutzer (Selbstregulierung). Nach Ansicht der Autoren sind von Netz zu Netz unterschiedliche Regulierungsarten möglich. Da aber digitale Netze dazu neigen, sich zu verbinden, sei in Sachen Regulierung noch Vieles zu erwarten.

(10) Im Beitrag Zamir — Friedensnetzwerk im Kriegsgebiet berichtet Ivo Skoric über Medienkonflikte in der Kosovo-Kriegszeit.
Im Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Medien dort im Wesentlichen föderalistisch organisiert. Früh in den 1990er Jahren, als sich die Konflikte zwischen den Landesteilen verschärften, schotteten sich die Medien insbesondere von Serbien und Kroatien gegeneinander ab. Gleichzeitig versuchten Menschenrechtsgruppen sich zu organisieren,was auf herkömmlichen Wege kaum möglich war. Unter Mühen gelang dies jedoch mit Mailboxen, die über das Ausland (Österreich) miteinander verbunden waren, so dass die Antikriegs- und Menschenrechtsgruppen miteinander kommunizieren konnten.
Viele Initiativen wurden durch dieses Netz möglich, unter anderem Hilfen für Flüchtlinge und Nachrichtenveröffentlichungen (darunter Berichte über Misshandlungen, die dann aufhörten). Der Fall zeigt, wie der Autor betont, dass mit Hilfe eines elektronischen Netzes die Medien-politik kriegführender Staaten unterlaufen werden konnte und dass jenes Netz als Friedens-instrument benutzt werden konnte. (S. 162 – 169)

(11) Das Internetz der Verschwörer nennt Gundolf Freyermuth das Phänomen, dass sich im Internet von Verschwörungstheorien geleitete Gruppen darstellen, die in anderen Medien kaum eine Chance hätten, in Erscheinung zu treten.
Der Wahncharakter der betreffenden Gruppen sei dadurch ausbreitungsfähig; doch dadurch, dass ein Netzbenutzer neben der einen Verschwörungstheorie auch andersartige Ver-schwörungstheorien auffinden kann, werde auch die Beliebigkeit dieser Vorstellungen offenbar.

NETZWIRTSCHAFT
(12) Cyberwirtschaft, ebenfalls von G. Freyermuth, handelt von der Zukunft des elektronischen Geldes, E-Geld.
Einerseits verliere das Geld genau in dem Maße, indem es sich entmaterialisiert, seine Anonymität; d.h seine Spuren werden verfolgbar, und die Privatheit der Geschäfte geht ver-loren. Andererseits werde ebendies durch die — technisch problemlosen — Verschlüsselungsverfahren für die Bezahlung mit E-Geld verhindert werden. (S. 191 -193)
Die Chance für Nationalstaaten, aus Cybergeschäften Steuern zu bekommen, gehe gegen Null (nur materielle Waren könnten sie noch besteuern). Deshalb denkt Freyermuth, dass die Epoche des nationalstaatlich kontrollierten Geldes, in Deutschland seit 1875, ihrem Ende entgegengeht. Auch wenn sich das E-Geld zunächst noch an nationale Währungen wird binden müssen, werde es schließlich eine „Währung ohne Land“ sein. (S.195)

(13) Als Cyber-, Digi-, E- und Net-Cash bezeichnet Boris Gröndahl die monetären Kinder des Internet. Zahlungsvorgänge im Netz, fragt er, werden heute über Kreditkarte abgewickelt, wozu digitales Geld?
Um Mikrozahlungen, z.B. für ein kleines Online-Dokument, durchführen zu können, woran vor allem Handeltreibende interessiert seien. Als mögliche Verfahren nennt der Autor:
1) Auf Kreditkartenprinzip aufbauende Methoden mit kryptographischer Sicherung (Verschlüs-selung);
2) Die Übertragung von Bargeldeigenschaften auf das Netz, wogegen die Nationalbanken allerdings misstrauisch seien. (S. 199)
Gröndahl sieht im digitalen Geld einen Keim zur Umwälzung der Geldverhältnisse. Abschließend berichtet er von einer Technologie der Firma DigiCash; sie gewährleistet über das Prinzip der blinden Signaturen a) die Gültigkeit und Fälschungssicherheit des elektronischen Geldes und b) die Anonymität dessen, der mit ihm zahlt. (S. 202 f)

(14) Die Kommerzialisierung des Internet von Stefan Krempel
Das Internet, bemerkt er, ist ein wandlungsfähiges Gebilde: aus einem militärischen System hervorgegangen, entwickelte es sich als Medium einer technologisch begeisterten Forscher-gemeinde und wurde schließlich, als durch das WWW Bilder und Farbe in das Netz kamen, von der Wirtschaft entdeckt. Doch zeigte sich dann, dass außer der Computer- und Tele-kommunikationsindustrie noch kaum jemand im Internet Geld verdienen konnte. Auch die anfänglichen Versuche, Informationen in Geld umzumünzen, waren wenig erfolgreich. Die vorherrschende Stimmung in der Internet-Gemeinschaft, ausgedrückt im Slogan „Verschenkt geistiges Eigentum“ (Esther Dyson) habe dies nun auch nicht gerade angeheizt.
Sehr erfolgreich allerdings wurde der virtuelle Buchladen Amazon. Das Erfolgsrezept: Wer einen kostenlosen Link von seiner Website zu Amazon setzt, erhält eine Provision für den auf diesem Weg zustande gekommenen Buchverkauf. Auch Rezensionen spielen im Amazon-Geschäft eine Rolle. (S. 211 f)
Was die Zukunft betrifft, so hält Krempl die Bestrebungen, geistiges Eigentum von Autoren zu schützen, für notwendig und wünschenswert; Pläne, wonach alle je in einer Datenbank erfassten Informationen unter „geistiges Eigentum“ fallen sollen, hält er dagegen für bedenk-lich. (S. 223)

(15) Mit Pfeil und Bogen zur virtuellen Konsumentenjagd überschreiben K. Hoffmeister und K. Roloff ihren Beitrag. Sie sprechen von einer kommerziellen Krise, die sich darin zeigt, dass zersplitternde Zielgruppen für die klassischen Medien nicht mehr handhabbar seien; und hier würden die neuen Medien ins Spiel kommen.
Zwei unterschiedliche Sender-Empfänger-Modelle rivalisieren nach Ansicht der Autoren miteinander: Im älteren (linearen) Modell steht dem Sender ein als ökonomische Größe fest definierter Sender gegenüber. Im neuen (nicht-linearen) Modell dagegen sind alle Bestandteile „autopoietische“ {sich selbst hervorbringende}Systeme, die sich beständig wandeln. Im älteren Modell gehe es wesentlich um „Manipulation“, im neuen Modell um „Beziehung“. Wo das eine vom anderen Modell abgelöst wird, werde aus „Marketing“ „Societing“. (S. 231 f)

(16) Paradise lost ist für Marco Montani die enttäuschte Hoffnung vieler euphorischer Netzenthusiasten, die die Folgekosten für ihre Websites übersehen haben oder deren Websites schlichtweg nicht besucht wurden. Prophylaktisch gibt Montani hierzu einig praktische Ratschläge:
— Man solle sich klar darüber sein, was man zu bieten hat
— Man soll mit Netz-Erfahrenen kommunizieren
— Man muss Webseiten professionell pflegen
Letzteres bedeutet, dass drei verschiedene Funktionen gesehen werden, die in der Regel von drei Personen wahrzunehmen seien:
a) die Webseite betreuen, verbessern, aktualisieren
b) Texte zusammentragen, redigieren, ggf. neu schreiben
c) Aktionen auf der Webseite initiieren, koordinieren; E-Mail beantworten bzw. auswerten
(S. 245)

(17) Enrique Jungbauer schreibt über Werbung im postlinearen Zustand und gibt seinem Beitrag das Verfallsdatum 31. 12. 1999. Er fragt nach den „Bewohnern“ des Internet, das im Vergleich zum TV noch ein Dorf sei. Zuerst hat es da Wissenschaftler und Studenten gegeben, dann traten die (25 – 35-jährigen) „Computer Cognoscenti“ in den Vordergrund, dann wurde die „Generation @“ wichtig: Screenager, die sich gern amüsieren.
Als Gebot der Stunde für Werbeleute, wenn sie Angebote machen, sieht Jungbauer: Genau kommunizieren! (und auch: genau verkaufen). Als Bevölkerungsgruppen der „Webonomics“ unterscheidet er (S. 254 f):
1. Konsumenten
2. Content Creators
3. Werbetreibende Wirtschaft
4. Software-Branche
5. Telekommunikationsunternehmen
Besondere Gedanken macht er sich zu Punkt 2., die Content Creators. Sollen sie sich auf die Werbung für ihre Produkte verlassen? Sollen sie mit umständlichen Abonnements operieren? Als Lösung dieser Probleme erachtet Jungbauer das Micropayment für geistige Produkte, d.h. Billigstpreise für Kopien. Jungbauer sieht darin auch die Lösung des Copyright-Problems. (S. 255)

NETZWESEN
(18) Th. Mandel und G. Van der Leun: Die Zwölf Gebote des Cyberspace. Auszug:
Das 1. Gebot: „Sage offen, was du sagen willst, und zensiere nie!“ (S. 263) Sag‘ niemals nie!!
Das 2. Gebot: „Du sollst nicht langweilen!“ (S. 264)
Das 6. Gebot: „Du sollst nicht stehlen!“ (S. 266) Hacken (Herumbasteln, um zu verbessern), sagen die Autoren, ist gut; Cracken (Eindringen, um Schaden anzurichten, ist schlecht.
Das 9. Gebot: „Ehre deinen Sysop und die anderen Netzgötter, auf dass deine Tage im Netz lange währen!“ (S. 268) Sysop: System Operator, der die Knotenpunkte und technischen Systeme pflegt
Das 12. — für die Autoren wichtigste — Gebot: „Sei du selbst und lass‘ es dir gutgehen!“ (S. 270)

(19) Lernen, damit umzugehen Howard Rheingold im Gespräch (S. 271 – 278). Ergebnis:
Online-Kommunikation ist zweischneidig: Sie kann zur Isolation führen, sie kann aus der Isolation befreien.

(20) Cybersex Gundolf S. Freyermuth (S. 279 – 290)
Wie schon andere Techniken, so hat auch die Informationstechnik zwei menschliche Grund-bedürfnisse in ihren Dienst genommen: Arbeit und Sexualität. Speziell die visuellen Medien (Druckerpresse, Lithographie, Fotoapparat, Videokamera) haben sich des Nackten bemächtigt; der Cyberspace bemächtigt sich des Redens darüber.

(21) Partnersuche im Internet mit Roswitha Casimir und Roger Harris Kommunikation ist eine Hauptfunktion des Internet, auch die private. Charakterististisch für das (gegenwärtige) Internet ist, dass Partnersuche dort in spielerischer Weise vor sich geht. Ausdruck dafür sind die Akronyme {Buchstaben/Zahlen-Kürzel} und Smileys {besondere Zeichen-Kürzel}. Beispiele:
bg = big grin, grinst breit, 🙂 =Freude, 2D = Online-Welt, 😉 = nicht ganz ernst gemeint, 3D = ‚das wirkliche Leben‘, X(= gerade verstorben (S. 304 – 307) (S. 307 f)

(22) Identität in virtuellen Räumen von Sherry Turkle
Es gibt eine beträchtliche Anzahl von Multi-User-Spielen, die dazu dienen, in einem virtuellen Raum Welten sozialer Interaktion darzustellen; in ihnen kann man sich als Figur präsentieren und dabei anonym bleiben. Auf diese Weise kann man sich eine Figur wählen, die beliebig nah oder fern von einem selbst ist. In diesen Spielen zeigt sich für Turkle, dass Computer-Technologie nicht nur dazu da ist Auf-gaben zu erledigen, sondern auch ein Medium ist zum Durchdenken und Durcharbeiten von persönlichen Angelegenheiten. In „Identity Workshop“ hat Turkle diese Dinge mit Hilfe sogenannter MUDs {Akronym für Multi-User-Dungeons (-Kerker)} näher erforscht. Sie berichtet von einigen Fällen, in denen die Probanden sich im Spielen von (partiell realen) Konfliktfällen die Figuren so wählten, dass die Konflikte lösbar wurden. Turkle fragt, ob solche Spiele nicht ein Vorbote dessen sind, was in sozialen Räumen wirklich geschehen wird. (S. 309 – 327). Vgl. auch Sherry Turkle in Literaturbericht Denning/Metcalfe, Teil II

DIE VERNETZTE FRAU
(23) Internet — (r)eine Männersache? fragt Bettina Lehmann und spricht so die Tatsache an, dass Frauen im Netz „Mangelware“ sind. Um dem abzuhelfen, gibt die Autorin Tips für Frauen, die gleichsam bei 0 beginnen. Beim Stöbern in Hotlists (Empfehlungen für kundige Benutzer), Bookmarks (digitalen Lesezeichen), den Cool Sites (amüsanten Nutzlosigkeiten) wird die erste Lektion gelernt: Alles eine Frage der richtigen Adressen. Doch dauert der Autorin das Herumstöbern zu lange, und so fragt sie, ob sich das Internet allgemeinverständlich erklären lässt.
Ihr Versuch: Computer, Modem und benötigte Software sind zu beschaffen; dann ein passender Provider zu finden. Auch einige Einstellungen sind vorzunehemen. Mit dem Internet, führt sie weiter aus, sind eine Fülle von Datenbanken, Bibliotheken, Verlagen und sonstigen Firmen erreichbar. Mit Suchhilfen und anderen Werkzeugen können sie gefunden werden …
Gibt es einen frauenspezifischen Umgang mit dem Internet? — fragt die Autorin. Ja und Nein ist ihre Antwort. Nein, insofern als Spaß am Schreiben, Suchen, Spielen keine Frage des Geschlechts ist. Ja, insofern als Frauen sich eher für die allgemeinmenschlichen Dinge interessieren als für die Technik, die den Männern näher ist. (S.329 – 352)

(24) Ist das Internet männlich? Frage von Rena Tangens
Die Autorin zeigt in großer Ausführlichkeit, dass die Androzentrismuskritik gegenüber „der Wissenschaft“ — Ungleichheit beim Zugang, Einseitigkeit bei den Themen, Voreingenom-menheit bei Methode und Interpretation, Benutzung als Herrschaftsinstrument — auch gegen-über „dem Netz“ zutrifft. Die Autorin empfiehlt ihren Mitstreiterinnen, die Umgestaltung der Verhältnisse auf allen Ebenen, auch der technischen, anzugehen. (S. 353 – 377)

NETZ-WERK
(25) Der Autor im Netz von Boris Groys
Die Rede ist von einer besonderen Form der Exkommunikation: der Exkommunikation des Schreibenden aus der Gemeinschaft der miteinander Kommunizierenden.
Durch die Computer-Netzwerke, so sehen es einige Theoretiker seit Marshall McLuhan, sei das Schreiben allerdings wieder ganz in die Nähe der Kommunizierenden gerückt; insofern, als die Distanz zwischen Schreiben und der Wahrnehmung des Geschriebenen durch andere beinahe aufgehoben ist oder es jedenfalls sein kann. Durch diese ‚Wiederaufnahme‘ in den Kreis der Kommunizierenden, folgert der Ästhetik-Professor, ’stirbt‘ der Autor.

(26) Websites — Die Entstehung neuer Textstrukturen Autor: Markus Nickl
Damit unterschiedliche Textformate auf unterschiedlichen Computersystemen miteinander ver-bunden werden können, bedarf es einer einheitlichen Konvention. Diese existiert (u.a.) in der Beschreibungssprache HTML (Hypertext Markup Language). Was sind die Charakteristica solcher Hyperttexte?
— Synästhetisierung: die Mischung verschiedener Wahrnehmungsmodi (wie Bildzeichen und Sprachzeichen);
— Delinearisierung: es gibt keine lineare Abfolge des Texts;
— Individualisierung: jedem Leser eines Hypertexts bleibt überlassen, wie er einen Weg durch den Text findet;
— Interaktivität: Dialog zwischen Leser und Verfasser des Texts ist möglich. (S. 389 – 392)
Websites bieten viele neue Gestaltungsfreiräume:
1. Der Verfasser eines Hypertexts stellt eine Matrix bereit, die der Leser füllt.
2. Der Verfasser kann sich dem Leser nähern (z.B. Link zu E-Mail) oder sich von ihm entfernen.
3. Der Verfasser kann auf Linearität verzichten (wie Wittgenstein versuchsweise in seinen Philosophischen Untersuchungen).
4. Es gibt große Variationsmöglichkeiten im Schreibprozess (im Prinzip denen ähnlich, wie sie früher schon in Fußnoten, Marginalien, Zitaten, Vor- und Rückverweisen gesucht wurden).
Websites führen aber auch zu Einengungen:
a. Es gibt eine ausgeprägte Normorientierung (wegen hoher Konventionalität der Sprache).
b. Der Verfasser verliert Kontrolle über seinen Text nach dessen Veröffentlichung.
(S. 392 – 400)

(27) Bibliotheken im Netz von Veronika Oechtering
Der Traum, alles Wissen der Welt an einem Ort zu speichern, wurde schon in der Antike geträumt; die Bibliothek von Alexandria steht dafür.
In den 1980ern wurden Online-Datenbanken entwickelt, womit die Notwendigkeit, bestimmte Orte zur Speicherung des Wissens zu haben, grundsätzlich entfällt. 1995 wurde auf einem G7-Treffen beschlossen, eine „Bibliotheca universalis“ zu errichten. Ob sich die Software-Bibliotheken oder Bibliotheken als Kommunikationsorte durchsetzen werden, ist nach Ansicht der Autorin offen. (S.404)
In Europa wurde ebenfalls 1995 ein gemeinsamer Server unter dem Namen GABRIEL installiert (Gateway to European National Libraries, www.bl.uk/gabriel/ — S.407). Der aktuelle Trend ist, heißt es in dem Beitrag, Datenbanken um Datenbestände zu ergänzen, die für den recherchierenden Benutzer die Aussagekraft erhöhen. (S. 408)

(28) Mike Sandbothe: Interaktive Netze in Schule und Universität
Es gibt drei Zukunftsvisionen für das Internet:
1. Stätte der Bildung und des Wissens
2. Unterhaltung
3. Kommerz
Die Regierung Clinton/Gore ist erklärtermaßen für die Verbindung dieser drei Visionen eingetreten. (S. 414).
Der Autor diskutiert in seinem Beitrag eine grundlegende Frage, eine „Kinderfrage“: Was ist ein Medium? Nach der Shannonschen Theorie: ein neutraler Übertragungskanal. Dies sei in Ordnung, wenn man unter Informationen Bits und Bytes versteht. Verbindet man mit Informationen zugleich aber auch Bedeutungen und Sinngehalte, dann werden durch ein Medium neue Kommunikationsverhältnisse konstituiert. (S. 416)
An der graphischen Benutzeroberfläche des WWW wird verdeutlicht: Sie verleitet ganz im Unterschied zum Fernsehen dazu, aus einem Empfänger einen Sender zu machen. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist ein (höchst erfolgreiches) Experiment, in dem ostfriesische Schüler im Online-Dialog mit New Yorker Schülern Englisch lernten. (S. 419)
Der Autor diskutiert auch die Frage, ob man für den Unterricht die bildungsrelevanten Teile des Netzes von den übrigen Teilen (Unterhaltung, Kommerz) abschließen soll. Er plädiert: „Unser Ziel sollte es sein, den Lernenden beizubringen, die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Highways poduktiv für ihre eigenen Interessen und Intentionen einzusetzen.“ (S. 423)

(29) Die Geburt eines Völlig Neuen Journalismus von Joshua Quittner
In einem klassisch gewordenen Artikel über einen neuen Journalismus hatte Tom Wolfes gegenüber dem Hauptmittel des Journalismus‘, der Reportage, die Auffassung vertreten, dass Fakten unterhaltsam dargestellt werden dürfen und dass ein Journalist seinen eigenen Standpunkt darlegen darf. (S. 426). Inzwischen sind nach Quittner weitere Mittel des „neuen Journalismus'“ an den Tag gekommen:
— das Element der Überraschung
— die abrupte Erzählung (wichtig, weil Kürze einen Gegenpol zur Infoüberfrachtung biete)
— Einschaltung in einen schon bestehenden Gesprächsfaden
(S. 427 f)

NETZ-ÄSTHETIK
(30) Stefan Becht: Auf des Messers Schneide
Die neue Netzwelt ermöglicht neue „Blade-Runnings“: Was ist wirklich, was ist Einbildung? — auf des Messers Schneide. Online- und Offline-Welt sind äußerst dicht beieinander — auf des Messers Schneide. Im Netz kann ich, wie ein Gott, schaffen und vernichten — auf des Messers Schneide. ( S. 431 – 439)

(31) Aus der Station Rose: Artists At Home — Künstler im Internet
Von Hypermedia-Künstlern wird eine programmatische Skizze hingeworfen, die in Be-geisterung über die „digitale Flüssigkeit der Multimedia“ schwelgt. Diese „Flüssigkeit“ wird (S. 442 f) „nie hart“, will sagen: man kann digitale Kunstformen bilden und sie gleich wieder auflösen; und dies nicht in einem Elfenbeinturm oder sonst einem festen Platz, sondern in einem vernetzten Überall, wo auch die sozialen Formen beständig neu gebildet und gleich wieder aufgelöst werden können. (S 442 – 452)

(32) Gui Bonsiepe: Der Designer im Netz oder Jenseits des Mausklicks
„Informationsdesign“: ein Zauberwort zur Überwindung der Informationsangst, die aus Informationsüberflutungen herrührt. Informationsdesign, so der Autor, setzt kognitive Arbeit voraus, deren Resultat dann bildhaft darzustellen versucht wird. (S. 465)

(33) Stefan Bollmann, Christiane Heibach: Sucht keine Wurzeln, folgt dem Kanal
Für die Übertragung von Information habe man sich traditionell zweier Modelle bedient: Baum und Szene; der Baum steht für eine sich verzweigende Informationsstruktur, die Szene für das ’soziale Setting‘, in dem sich die Informationsübertragung abspielt. (S. 469)
Diese Modelle seien für die Informationübertragung im Internet nicht mehr adequat; geeignet sei das Modell des „Rhizoms“ (ein wuchernder Wurzelstock — Modellausarbeitung von Gilles Deleuze und Félix Guattari). Fünf Prinzipien sind ihm eigen:
1. Das Prinzip der Vernetzung
2. Das Prinzip der Heterogenität (verschiedene ‚Sprachen‘ in jeglichem Sinne)
3. Das Prinzip der Vielheit (von Dimensionen)
4. Das Prinzip des asignifikanten Bruchs (Bruchstellen zerstören das Gesamtsystem nicht)
5. Das Prinzip der Kartographie (zu jedem Ort gibt es beliebig viele Zugänge) (S. 470)
Die Suche nach angestammten Wurzeln oder die Suche nach neuen Verwurzelungen ist für die Autoren ein unangemessener Umgang mit den heute sich diversifizierenden Lebensformen. Eine geeignetere Metapher sehen die Herausgeber des Kursbuchs in den „vernetzten wurzellosen Kanälen“. (S. 473)

30.09.2001; MF

Veröffentlicht in Für Sie gelesen