Wüstenrot Stiftung (Hrsg.): Telearbeit in der postindustriellen Gesellschaft

Wüstenrot Stiftung (HG.): Telearbeit in der postindustriellen Gesellschaft, ifo Institut für Wirtschaftsforschung/Kurt Vogler-Ludwig (Gesamtleitung). Mit Beiträgen von Karin Behring, Nicola Düll, Angela Franke, Herbert Hofmann, Klaus Kiemer, Wolfgang Meyerle, Jörg Schneider. Stuttgart/Berlin/Köln 2000. 253 S. ISBN 3-17-016087-7. 44,00 DM.

Themen: Akzeptanz, Arbeit & Freizeit, Arbeits-/Tarifrecht, Versicherungsbranche, Diffusion, Flexibilisierung, Geschlecht, Selbständigkeit, ökonomische Bewertung, Qualifikation, Regionalentwicklung, techn.Standards, Telearbeitsformen, Unternehmenskultur, Verkehr.

Abstract
Eine Studie zu den vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Telearbeit und ihren sozioökonomischen Rahmenbedingungen in den postindustriellen Gesellschaften.

Inhaltsverzeichnis
1. Telearbeit in der vernetzten Welt – eine Einordnung (13-21)
2. Der Stand der Dinge: Telearbeit heute (22-53)
3. Die technischen Bedingungen: Entwicklungspotentiale der Informationstechnik (54-82)
4. Die ökonomischen Bedingungen: Faktoren für die Diffusion von Telearbeit (83-109)
5. Die gesellschaftlichen Bedingungen: Gibt es eine technologisch bedingte Verteilungsfrage? (110-135)
6. Telematik und Raumstruktur (136-159)
7. Telearbeit und Bautätigkeit (160-176)
8. Telearbeit und Verkehr (177-198)
9. Telearbeit und Umwelt (199-214)
10. Zusammenfassung (215-225)
Bibliographie zur Telearbeit (226-253)

Bewertung
Ein Standardwerk, das bereits vorhandene Studien unter theoretischen Prämissen auswertet, und an dem weder Praktiker noch Theoretiker vorbeikommen.

Inhalt

1. Telearbeit (TA) in der vernetzten Welt – eine Einordnung
Neben einer begrifflichen Abgrenzung legen die Autoren zugleich eine Systematisierung der bekannten Telearbeitsmischformen vor:
individuell vs. kollektiv;
wohnortbezogen vs. Kunden/Kooperationspartner;
permanent vs. temporär/gelegentlich;
mobil vs. immobil;
virtuelle vs. konventionelle Unternehmensorganisation;
unternehmensextern vs. unternehmensintern;
„feste“ vs. „freie“ Telearbeit.
Daran knüpfen sich die Fragen nach der Zukunft von TA (Diffusion und „virtuelle Arbeitsmärkte“, S.18) und den „Folgen für den Raum“ (S.20f.)

2. Der Stand der Dinge: TA heute
Aus der Bestandsaufnahme im internationalen Vergleich ergibt sich, daß TA im Sinne von Teleheimarbeit lediglich in den USA, in Kanada und in Skandinavien relevant sind. In Deutschland spielt sie als Arbeitsform eine untergeordnete Rolle. Ausgehend von einem niedrigen Niveau ist ein Wachstum jedoch unverkennbar, wobei die Wachstumsraten noch keine Schlüsse auf die künftige Bedeutung zulassen. Führend sind Unternehmen mit modernen Arbeits- und Organisationsstrukturen und Erfahrungen in der informationstechnisch gestützten Kommunikation. Derzeit überwiegen noch die Hemmschwellen. Als entscheidende „Triebfedern“ identifizieren die Autoren technische und organisatorische Gesichtspunkte (Hardwareentwicklung und effiziente preisgünstige Kommunikation, Globalisierung der Märkte und steigender Wettbewerbsdruck, organisatorische Trends: informationstechnisch gestützte Dezentralisierung, Prozeßorientierung und flexible Arbeitszeiten). Zentral ist auch die Bereitschaft der Erwerbstätigen, da noch viele Befürchtungen bestehen. Für ein dynamisches Modell der Einschätzung der Rahmenbedingungen der Diffusion sind nicht nur die technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen relevant, sondern es müssen auch die Auswirkungen auf bestehende Unternehmens-, Gesellschafts- und Raumbedingungen berücksichtigt werden.

3. Die technischen Bedingungen: Entwicklungspotentiale der Informationstechnik (IuK)
Die Bestandsaufnahme der technischen Rahmenbedingungen zeigt die Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten auf nationaler und internationaler Ebene. Sie bringen einen neuen Kommunikationsbedarf hervor und verstärken den Trend zur Globalisierung und internationalen Arbeitsteilung. Eine mögliche Substitution persönlicher Kommunikation (Videokonferenzen) wird begleitet von einer (durch die informationstechnisch realisierbare erhöhte Aufgabenintegration bedingte) Verringerung des Kommunikationsbedarfes allgemein. Die Ausschöpfung des technischen Potentials steht in engem Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Akzeptanz. Dieselbe wächst mit der Verbesserung der technischen Rahmenbedingungen. Da diese bereits heute schon gut sind, liegen die Barrieren im deutschen Rahmen weniger bei der Technik als beim Management (Unternehmenskultur, mangelnde Strukturveränderungen). Die Diffusion von TA und Telekooperation hängt von der Durchdringung der Unternehmen mit IuK-Technik ab. Vorreiter sind die Multimediabranche selbst und andere Branchen der IuK-Technik, wo auch unter den MitarbeiterInnen die Akzeptanz hoch ist. Die Ausschöpfung des technischen Potentials hängt vom internationalen Wettbewerbsdruck ab. Letzterer erhöht auch die Notwendigkeit von mobilen TelearbeiterInnen, deren technische Rahmenbedingungen sich laufend verbessern.

4. Die ökonomischen Bedingungen: Faktoren für die Diffusion von TA
Mit Blick auf die ökonomischen Rahmenbedingungen vertreten die Autoren die These, daß ein prognostischer Blick, der TA „nur als eine Erweiterung der Büroarbeit um IuK-Technik mit räumlicher Flexibiltät ansieht, zu kurz greift“ (S.83). Darüber begründen sie auch, daß der Begriff der Telekooperation analytisch weitreichender ist, da er die unternehmerischen Dezentralisierungsstrategien berücksichtigt. Telekooperation ist eine Telearbeitsform mit der sich die Neustrukturierung und Dezentralisierung der Unternehmen fortsetzt. Die Diffusion der TA hängt von der Wandlung der sozio-ökonomischen Bedingungen ab. Eine Partialanalyse (auf der Grundlage des Ist-Zustandes) unterschätzt die dynamischen Entwicklungstrends. Zentraler Punkt ist für die Autoren die Umgestaltung der Organisation der Wertschöpfung (Reichwald/Möslein 1997). Die Vorstellungen über die TA sind ihnen noch zu sehr auf arbeitsplatzbezogene Formen der Leistungserstellung fixiert und wie (Dostal 1999) halten sie es für illusionär, die bisherigen Rahmenbedingungen der Erwerbsarbeit beibehalten zu können. Sie begreifen die TA als Trendverstärker eines generellen Rationalisierungsprozesses, bei dem der Typ der hierarchischen Unternehmensorganisation an Bedeutung verliert: „Telearbeit, Telekooperation und virtuelle Unternehmen sind die arbeits- und organisationsstrukturellen Ausdrucksweisen dieser Veränderung.“ Es gibt zwar keine fundierten Wirtschaftskalküle, doch erfahrungsgemäß steigert TA die Produktivität. TA verlangt eine neue „Führungskultur“, was häufig unterschätzt wird.

5. Die gesellschaftlichen Bedingungen: Gibt es eine technologisch bedingte Verteilungsfrage?
Der mit TA verbundene Prozeß der Auflösung des Arbeitnehmerverhältnisses und die neue Selbstständigkeit sind zwiespältig. Neben neuen Chancen gibt es die Tendenz zur Prekarität, von der nicht nur „einfache“ Tätigkeiten, sondern auch Tätigkeiten mit hohem Qualifikationsniveau (z.B. Übersetzer) betroffen sind. TA bringt eine Spaltung des Arbeitsmarktes entlang neuer Trennungslinien mit sich, die aber nicht mehr strikt nach Qualifikationsmustern verläuft. Wer zu den Gewinnern oder Verlierern zählt, hängt nunmehr von der Marktlage des jeweiligen Berufes, der individuellen Verhandlungsposition sowie der Medienkompetenz des Telearbeiters ab. Informationsmangel, der Dequalifizierungstendenzen auslöst, ist eine der größten neuen Gefahren. Eine weiteres Problem besteht in der Gefahr die innerfamiliäre Rollenteilung entlang der klassischen geschlechtskulturellen Zuschreibungen zu festigen. Da Frauen bereiter sind, prekäre Arbeitsverhältnisse einzugehen, betrifft sie TA auf den ungeschützten externen Arbeitsmärkten eher als Männer. Letzteren dürfte der Übergang in die „echte“ Selbständigkeit besser gelingen. Auch beim gesellschaftlichen Wandel wirkt TA als Trendverstärker. Die Ausbreitung der Telearbeitsformen hängt damit auch davon ab, in welche Richtung der gesellschaftliche Wandel gestaltet werden soll bzw. welche Spielräume der internationale Wettbewerbsdruck überhaupt läßt.

6. Telematik und Raumstruktur
Der Einfluß der Telematik (Raumüberwindungs- und Produktionstechnologien) auf die raumstrukturierenden Faktoren (brancheninternen und -externen) Agglomerationseffekte und Transportkosten (Güter, Produktionsfaktoren, Informationen) bewirkt eine zunehmende Standortunabhängigkeit von Informationen und einen Bedeutungsverlust von Agglomerationsvorteilen. Die Telematik befördert die Durchsetzung des postfordistischen Produktionsparadigmas. Das bedeutet mehr Wettbewerbsfähigkeit von Regionen und Mittelstädten, Ausweitung von Aktionsradien der Betriebe wie der Erwerbstätigen, zunehmende Dezentralisierung und verstärkte Einbindung peripherer Regionen in zentrale Wirtschaftskreisläufe. Das bedeutet auch eine Verflachung der Rang-Größen-Struktur des Städtesystems. Die Zentralität städtischer Standorte steht in einem engen Zusammenhang mit der bisherigen Unfähigkeit, „schwierige Sachverhalte“ (S.159) telematisch zu übermitteln. Szenario: Entsprechende technische Neuerungen könnten raumstrukturierende Auswirkungen nach sich ziehen, die in einer großräumigen Segregation der Bevölkerungsschichten münden.

7. TA und Bautätigkeit
Standortverlagerungen und Neugründungen in die und in der Peripherie regen einen geringfügigen zusätzlichen Wirtschaftsneubau an. Investoren in Bürobauten wie im Wohnungsbau müssen telearbeitsgeeignete Maßnahmen treffen, die sich kurzfristig zwar nicht rechnen, aber langfristig Auswirkungen auf die Rendite und den Wert haben werden. Die sehr inflexiblen Wohnungsmärkte bedingen nur geringe Auswirkungen der sowieso nur geringen Arbeitsplatzauslagerungen zu reiner oder alternierender Teleheimarbeit auf die Bauwirtschaft im allgemeinen und den Wohnungsbau im besonderen.

8. TA und Verkehr
Wie schon beim Telefon sind die verkehrlichen Auswirkungen der IuK ambivalent. Bei der reinen und alternierenden Teleheimarbeit besteht zwar ein Substitutionspotential, doch macht der zu erwartende Berufsverkehrrückgang den Raum für den Freizeitverkehr auf. Diese Entwicklungen lassen sich derzeit nicht seriös vorausberechnen. Beim Standortverhalten könnte eine Verstärkung des Suburbanisierungsprozesses erfolgen. Wachsende Kostenbelastungen und steigender Zeitaufwand werden das Mobilitätsverhalten ändern. Allerdings dürften die Unternehmensentscheidungen für TA die zunehmende Verkehrsproblematik und die gegebenenen politischen Rahmenbedingungen kaum beeinflussen. Telekonferenzen und Teleservice können nur bestimmte Face-to-Face-Treffen ersetzen. Insgesamt erwarten die AutorInnen von den preis- und infrastrukturpolitischen Maßnahmen der Verkehrspolitik nur einen vergleichsweise geringen Einfluß auf die Diffusion von TA. Demgegenüber sehen sie von einer Änderung der ordnungspolitischen Rahmenbedingungen (steigende Umwelt- und Sozialkosten des Verkehrs) entscheidende Anstöße für die weitere Diffusion ausgehen.

9. TA und Umwelt
Die Wirkungen auf die Umwelt sind ambivalent. Positive Effekte werden von gegenläufigen Effekten abgeschwächt oder gar überkompensiert. TA bewirkt sowohl verkehrsvermeidende wie verkehrserzeugende Effekte. Die Vermeidung negativer Effekte sollen umweltpolitische Vorgaben des Gesetzgebers und die Eigeninitiative von Unternehmern und TelearbeiterInnen auf den Plan rufen. Sie ist nicht das Allheilmittel gegen sich verschärfende Umweltprobleme. Aber sie bietet Potentiale für Entlastungen bei entsprechender Gestaltung.

10. Zusammenfassung
Die Antworten auf die selbstgestellten Frgen fallen nicht präszise aus, doch ermitteln sie die technischen, organisatorischen und gesellschaftlichen Bestimmungsfaktoren für die Diffusion von TA und die möglichen Konsequenzen für Raum, Verkehr und Umwelt. Die Hemmnisse liegen weniger in der Technik als in der Organisation der Unternehmen. TA setzt sich durch, weil die Unternehmen damit ihr Leistungsprofil (Reduzierung der Informationskosten und Ausweitung der Verarbeitungskapazität von Informationen) ändern können: „Information wird zur Ware in einem Produktionsprozeß (…). Dies dürfte die eigentliche Triebfeder für die Verbreitung der TA sein“ (S.224). Gewinner (Anbieter professioneller Informationsdienstleistungen) und Verlierer (Anbieter einfacher Leistungen unter hohem Konkurrenzdruck) dieses Spezialisierungswettbewerbs sind noch offen.

17.02.2001; KS

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