Ripperger, Tanja: Ökonomik des Vertrauens – Analyse eines Organisationsprinzips

Ripperger, Tanja: Ökonomik des Vertrauens – Analyse eines Organisationsprinzips, Mohr Siebeck Verlag Tübingen 1998. 299 Seiten.

Themen: Entscheidungskalkül, Organisation, Vertrauensgeber, Vertrauensnehmer.

Abstract
Der jungen Autorin geht es um nicht weniger als die Ablösung des ökonomischen Paradigmas „Interesse“ (im Adam Smith‘ schen Sinn) durch „Vertrauen“.

Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Organisation durch Vertrauen

2 Mechanismen zur Stabilisierung von unsicheren Erwartungen

3 Die Vertrauensbeziehung als Prinzipal-Agent-Beziehung

4 Das Entscheidungskalkül des Vertrauensgebers

5 Das Entscheidungskalkül des Vertrauensnehmers

6 Die Genese des Vertrauens in sozialen Systemen

7 Ökonomik des Vertrauens — eine kritische Würdigung

8 Schlussbemerkung

Bewertung
Ein zukunftsträchtiger Ansatz!

Inhalt

1
Vertrauen, sagt die Autorin einleitend, ist ein „ubiquitäres Phänomen“: Selbst einfachste soziale Beziehungen kämen nicht ohne wenigstens ein Mindestmaß davon aus. Und eine komplexe Organisationen wie eine große deutsche Bank wirbt heute mit dem Slogan „Vertrauen ist der Anfang von allem.“ (S. 1)
Mit der Transformation von starren Hierarchien zu flexibleren Unternehmensformen, bei denen räumliche und oft auch organisatorische Dezentralisierung miteinhergehe, werde Vertrauensbildung geradezu eine Bedingung für die Existenz der neuen Unternehmungen: „Vertrauen ist ein konstitutives Merkmal von Netzwerkorganisationen und virtuellen Unternehmen.“ (S. 2) Die allgemeine Begründung der Autorin hierfür ist, dass mit erweiterten Handlungsmöglichkeiten und verringerten Kontrollmöglichkeiten (die ökonomisch noch sinnvoll sind) ein Vakuum entsteht, das eine neue Grundlage für die Leistungsbeziehungen verlangt, das nicht mehr ‚Kontrolle‘ heißen kann.
Als Hauptziel ihrer Arbeit gibt Tanja Ripperger an, den Vertrauensmechanismus in ökonomischen Kategorien zu erfassen und zu erklären, um ihn „als Organisationsprinzip zwischen-menschlicher Austauschbeziehungen in die Ökonomik zu integrieren.“ (S. 8)

2
„Vertrauen ist ein Mechanismus zur Stabilisierung unsicherer Erwartungen und zur Verringerung der damit einhergehenden Komplexität menschlichen Handelns.“ So kennzeichnet die Autorin ihren auf den Soziologen Luhmann zurückgehenden Ansatz. (S. 13)
Hinsichtlich der Unsicherheit der Erwartungen sei zu unterscheiden zwischen „objektiver“ (Dimension der Umwelt) und „subjektiver“ (Dimension des Akteurs in ihr). Sie könne durch Vertrauen und dem Vertrauen verwandte Mechanismen reduziert werden; als die verwandten Mechanismen nennt die Autorin Zuversicht, Hoffnung und Zutrauen. Das Spezfische des Vertrauens bestehe „in der freiwilligen Erbringung einer riskanten Vorleistung unter Verzicht auf explizite vertragliche Sicherungs- und Kontrollmaßnahmen gegen opportunistisches Verhalten“, wobei erwartet wird, dass der, dem man vertraut, freiwillig auf opportunistisches Verhalten verzichtet. (S. 45) Folglich könne diese Erwartungshaltung enttäuscht werden, wenn nämlich der, dem Vertrauen entgegengebracht wurde, entgegen der Erwartung opportunistisch (rein egoistisch) handelt. Im Umkehrschluss sei Misstrauen durch die Erwartungshaltung zu definieren, dass der andere opportunistisch handelt.

3
Das Zustandekommen einer Vertrauensbeziehung, so die Autorin, setzt sowohl eine „Plazierung“ als auch eine „Annahme“ des Vertrauens zwischen den Beteiligten voraus. Analysiert wird diese Beziehung dann mit Hilfe des sogenannten Prinzipal-Agent-Verhältnisses, das immer dann entsteht, wenn (in einer Leistungsbeziehung) ein Akteur von der Handlung eines anderen Akteurs abhängig ist; charakteristisch dabei ist eine Informationsasymmetrie (der ‚Agent‘ weiß mehr über die Bedingungen seines Handelns als der ihn beauftragende ‚Prinzipal‘).
Mittels dieses Modells wird die Vertrauensbeziehung zerlegt in einen „Vertrauensgeber“ (den Vertrauenden) und einen „Vertrauensnehmer“; letzterer entspricht dem (mit Informationsvorteil ausgestatteten) ‚Agenten‘. Die Beziehung kann einseitig sein, ist oft aber wechselseitig. Dem Grundmuster nach kann der Vertrauensgeber dem Vertrauensnehmer Vertrauen oder Mißtrauen entgegenbringen, wobei im Vertrauensfall der Vertrauensnehmer das Vertrauen honorieren oder es enttäuschen kann. (S. 74)
Als praktische Handlungsempfehlung gibt Ripperger den Hinweis, man solle — etwa bei einem Vertragsabschluss — darüber ins Klare kommen, im Hinblick auf welche Erwartungen ein Beteiligter die Position des Vertrauensgebers einnimmt und im Hinblick auf welche Verpflichtungen die Postion des Vertrauensnehmers. (S. 82)

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Das Entscheidungskalkül des Vertrauensgebers wird vom Ansatz her beschrieben als Problem einer riskanten Vorleistung. Denn immer werde etwas Wertvolles (eine Ressource) materieller oder immaterieller Art — zum Beispiel ein Geheimnis oder Freundschaft — hingegeben, das zum Schaden des Gebenden ausgenutzt werden kann, oft noch mit „Folgekosten“ besonders psychologischer Art. Für die Plazierung von Vertrauen und dessen Annahme betont die Autorin die grundsätzliche Freiheit auf beiden Seiten, es zu tun oder zu lassen. (S. 86 f)
Die Entscheidung, Vertrauen zu plazieren, hänge ab:
(1) von der subjektiven Erwartung, dass das gegebene Vertrauen nicht enttäuscht wird, wobei unter dem Nutzengesichtspunkt die (subjektive) Wahrscheinlichkeit dafür über 0,5 liegen müsse;
(2) von der Höhe des Risikos eines Schadens (inklusive Folgeschäden), wobei die Einschätzung des Risikos auch von der Risikobereitschaft auf der Seite des Vertrauensgebers abhänge.

5
Das Entscheidungskalkül des Vertrauensnehmers ist nach Ripperger nicht nur relevant für dessen Verhalten, sondern auch für die Antizipation seines Verhaltens durch den Vertrauensgeber.
Zunächst würde der Vertrauensnehmer sich dann als vertrauenswürdig verhalten, wenn die Kosten dieses Verhaltens für ihn geringer sind als der Nutzen; abhängig sei dies von seinen
Präferenzen. Wenn diese intrinsisch auf „moralisches Verhalten“ hin orientiert sind — d.h. für Ripperger der freiwillige Verzicht auf opportunistisches Verhalten —, sei die Vertrauens-würdigkeit hoch einzuschätzen.
Die Vertrauenswürdigkeit könne überdies extrinsisch gefördert werden durch „reziprok altruistsches Verhalten“ (ich helfe dir, du hilfst mir). Eine solche Wechselseitigkeit kann „entscheidend dazu beitragen, dass der implizite Vertrag zwischen Vertrauensgeber und Vertrauensnehmer selbstdurchsetzend ist.“ (S. 158)

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In diesem Kapitel wird die bisher isoliert betrachte Vertrauensbeziehung „innerhalb des dynamischen und multilateralen Kontextes ihres sozialen Umfelds betrachtet.“ (S. 164)
Durch den Mechanismus des reziproken Altruismus könne in einer Institution jenseits der expliziten Leistung- und Gegenleistungsverpflichtungen ein Bestand sozialer Verbindungen generiert werden, der menschliches Handeln erleichtert. Dieser Bestand wird im Unterschied zum „Humankapital“, das auf Eigenschaften und Fähigkeiten der Menschen als Individuen beruht, (nach Coleman 1990) „Sozialkapital“ genannt. Wie andere Formen des Kapitals sei auch diesem eine ‚Verzinsung‘ inhärent, die darauf basiere, dass die Kosten einer altruistischen Wohltat in der Regel geringer seien als der Nutzen für den Begünstigten. Solches Sozialkapital, das besonders für Netzwerkorganisationen und virtuelle Unternehmen immer bedeutender werde (weil ihr Erfolg auf der Potenzierung ihrer Ressourcen durch Kooperation beruhe), könne als „Versicherung auf Gegenseitigkeit“ interpretiert werden. (S. 166 f) Das Sozialkapital wird von der Autorin als „öffentliches Gut“ aufgefasst, auf das Ansprüche erworben werden können. Sein Bestand hänge von der Bereitschaft der partizipierenden Akteure ab, einerseits Vertrauen zu plazieren, andererseits es auch zu honorieren. Diese Bereitschaft könne durch das soziale Umfeld gefördert werden. Hierzu seien durch Dritte soziale Normen aufzustellen, die das Vertrauen schützen. Werden sie von den Beteiligten (weitgehend) akzeptiert, könne man von einer Vertrauenskultur sprechen.
Es wird dann die Frage gestellt, warum jemand in den Aufbau einer ‚Kultur‘ investieren soll, dessen Hauptfunktion der Schutz des Vertrauens ist. Zur Beantwortung nötig sei, ‚Vertrauenskultur‘ zu operationalisieren; die Autorin tut dies durch den Begriff der Vertrauensatmosphäre im Sinne der Transaktionskostentheorie. Danach ist die Vertrauensatmosphäre umso besser, je geringer das Verhältnis To/T ist, wobei der erste Faktor für opportunistisches Verhalten steht. Vor allem zwei Gründe seien es, weshalb es sich lohnt, in Vertrauenskultur zu investieren: a) die positive Auswirkung einer guten Vertrauensatmosphäre auf den Bestand des Sozialkapitals und b) die Erhöhung von Kooperationsgewinnen. In diesem Sinne sei das Herstellen von Vertrauen ‚rational‘. Betont wird von der Autorin noch, dass die Genese von Vertrauen in sozialen Systemen eine Tendenz, sich selbst zu verstärken, in sich trage. (S. 179 – 234)

7
In diesem Kapitel setzt sich Ripperger mit dem Einwand auseinander, ‚kalkulierendes Vertrauen‘ sei ein Widerspruch in sich selbst, ein Einwand, der oft auch mit der Ansicht einhergehe, die Ökonomie überschreite hier ihr Gebiet, weil ‚Vertrauen‘ jenseits marktwirtschaftlichen Handeln läge.
Hinter dieser Ansicht, so die Verfasserin, steht ein — auch bei Adam Smith erkennbarer — Dualismus, wonach Moral angeblich auf altruistischem Verhalten beruht, Ökonomie dagegen auf egoistischem. Mit drei Argumenten stellt Ripperger diese Entgegensetzung in Frage:
1. Wenn sich die Ökonomik auf alles zwischenmenschliche Verhalten beziehen kann, dann kann es kein moralisches Verhalten geben, das nicht auch ökonomisch ist.
2. Emotionen (z.B. von Adam Smith als Grundage der Moral angesehen) entstehen oft auf der kognitiven Durchdringung einer Situation; deshalb ist der Gegensatz von ‚emotionalem‘ und ‚kalkulierendem‘ Vertrauen kaum zu halten.
3. und Wichtigstens: „… moralische Abwertung kalkulierenden Handeln (ist) ist selbst eine moralphilosophische Wertung und als solche keineswegs zwingend.“ (S. 241)
Im Weiteren reflektiert Ripperger die Möglichkeit und Grenzen einer Ökonomik des Vertrauens. Im Unterschied zur Moralphilosophie (Ethik) gehe es in dieser Ökonomik nicht um die normative Beurteilung von Handlungsmotiven wie zum Beispiel den Motiven für vertrauenswürdiges Verhalten; vielmehr sei vom ökonomischen Standpunkt die Aufgabe, zu untersuchen, unter welchen Bedingungen sich Akteure tatsächlich vertrauenswürdig verhalten. Damit könne eine solche Ökonomik Grundlagen bieten für die Gestaltung entsprechender Verhältnisse.
Am Ende des Kapitels hebt die Autorin hervor, dass die ‚Ressource‘ Vertrauen durch ihren Gebrauch nicht erschöpft, sondern im Gegenteil vergrößert wird.

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In der zusammenfassenden Schlussbemerkung wird der Anspruch herausgestellt, dass mit der dargelegten Ökonomik des Vertrauens verschiedene sozialwissenschaftliche Ansätze zur Vertrauensproblematik integriert werden können.
Die Bedeutung des Vertrauensmechanismus‘ als Organisationsprinzip wird vor allem auf Fälle abgestellt, wo Verhaltensrisiken der Transaktionspartner wegen zu hoher Kosten nicht kontrahierbar sind; in solchen Fällen kämen Transaktionen unter Umständen überhaupt erst durch den Einsatz von Vertrauen zustande.

Anmerkung: Paradigmatisch gesprochen stellt das Konzept des ‚Vertrauens‘ in Rippergers Arbeit nicht etwa eine Beseitigung des ‚Interesse‘-Konzepts dar, sondern dessen Erweiterung. Das heißt: auch durch ‚Interesse‘ motivierte Leistungsbeziehungen können Vertrauensbeziehungen sein oder werden.

16.11.2001; MF

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