Rifkin, Jeremy: Access – Das Verschwinden des Eigentums

Rifkin, Jeremy: Access – Das Verschwinden des Eigentums, Campus Verlag Frankfurt 2000. 423 Seiten.

Themen: B-Techniken, Drama, Eigentum, Franchising, Kapitalismus.

Abstract
Eine Theorie eines neuen Kapitalismus‘ wird angeboten, in dem Eigentum bedeutungslos werde.

Inhaltsverzeichnis
Teil I: Der Kapitalismus erreicht eine neue Stufe
1 „Access“ statt Eigentum
2 Aus Märkten werden Netzwerke
3 Die schwerelose Ökonomie
4 Monopoly um Geschäftskonzepte
5 Alles wird zur Dienstleistung
6 Menschliche Beziehungen werden zur Ware
7 Zugang als Lebensform

Teil II: Die Privatisierung des kulturellen Gemeinguts
8 Ein neuer Kapitalismus
9 Die Ausbeutung des kulturellen Lebens
10 Die Welt der Postmoderne
11 Die Vernetzten und die Unvernetzten
12 Eine neue Balance zwischen Kultur und Kapitalismus

Bewertung

Die Phänomene, die Rifkin als Zurückdrängung des Eigentums deutet, könnten mit gleichem Recht als Erweiterung des Eigentums gedeutet werden.

Inhalt

„Access“ statt Eigentum
„Access“ statt Eigentum — damit ist bereits eine Grundrichtung im Denken Rifkins ausgesprochen. Eigentum, behauptet er, war auf der bisherigen Stufe des Kapitalismus die zentrale Kategorie, um die sich alles drehte. Auf dem „Markt“, der seine abstrakte Bedeutung jeglichen Kaufens und Verkaufens mit der Industriellen Revolution gewonnen habe (S. 9), sei das Eigentum in seinen konkreten Formen bisher ausgetauscht worden. Dieser Austausch werde in Zukunft aber unbedeutend werden gegenüber dem „Access“, dem Zugang oder Zugriff auf das, was die Netze zu bieten haben. Entsprechend werde es weniger um das Verhältnis von Käufer und Verkäufer gehen, umso mehr aber um das Verhältnis von Nutzer und Anbieter (S. 12). Rifkin nennt diesen für ihn sehr grundlegenden Wandel „Transformation vom industriellen zum kulturellen Kapitalismus; deswegen, weil in dem angebrochenen Zeitalter „Kultur die wichtigste kommerzielle Ressource“ geworden sei. Im übrigen werde „Zeit und Aufmerksamkeit der wertvollste Besitz und das Leben eines jeden Menschen zum ultimativen Markt.“ (S. 19)

Aus Märkten werden Netzwerke
Über den Beginn dieses Wandels stellt Rifkin fest, man habe Forschern, die im Auftrag des Pentagon an Universitäten arbeiteten, Supercomputer zur Verfügung stellen wollen, die möglichst wenig kosten sollten und deshalb von vielen benutzbar sein sollten; außerdem sollten sie für den Kriegsfall dezentral organisiert sein, damit bei Angriffen möglichst wenig Informationen verloren gingen. Aus diesen Überlegungen sei das ARPANET entstanden, der Vorläufer des Internet. (S. 27) Diese Organisation, die niemand besitzt und niemand betreibt, sei nun anstelle des Markts oder der Märkte der Raum des ökonomischen Geschehens. Dem Soziologen Manuel Castells zufolge kann es in fünf Teilnetze gegliedert werden.
— Anbieternetze: darin sind Unternehmen zu Zulieferungen aller Art verpflichtet
— Produzentennetze: Zusammenschlüsse von Unternehmen zur Nutzung von Ressourcen
— Konsumentennetze: Verbindungen von Herstellern, Händlern mit Konsumenten
— Koalitionen: zur Erreichung bindender technischer Standards
— Technische Kooperationsnetze: Zusammenschlüsse zur Nutzung technischer Belange (S.30)
Ein Kennzeichen der informationstechnologischen Produkte, die für diese Netze von Belang sind, ist nach Rifkin ein gegenüber den traditionell bekannten Produkten eine dramatische Ver-ringerung ihres Lebenszyklus‘.
Als Vorläufermodell für die Arbeitsweise im Netzwerk des Cyberspace sieht Rifkin die Kulturindustrie Hollywoods an. Denn sie bereits hätte vorübergehende Netze von Produ-zenten, Regisseuren, Schauspielern etc. gebildet, deren Lebensdauer auf die Laufzeit eines Projekts beschränkt ist. Gerade von den Informations- und Biowissenschaften, den Leitindustrien des 21. Jahrhunderts, sei diese Arbeitsweise übernommen worden. Und diese sei im Grunde genommen eine „theatralische“, dem Theater nachgebildet.

Die schwerelose Ökonomie
Die schwerelose Ökonomie hat viele Erscheinungen: In den Büros werden schwere Gegenstände reduziert; dazu zählen Schreibtische, weil nicht mehr jeder Mitarbeiter seinen eigenen hat, aber auch die Papierbestände werden ausgedünnt durch die zunehmende elektronische Speicherung.
Ähnlich ist es mit der Lagerhaltung, deren Bestände durch elektronische Steuerung am Minimum des auf Abruf Bereitzustellenden gehalten werden.
Auch das Geld entmaterialisiert sich durch elektronische Bezahlung. Es wird, wie W.J. Kurtzman sich ausgedrückt hat, zu einem „Schatten“, den man sehen, aber nicht berühren kann (S. 52).
Dann das Sachkapital, in der Industriegesellschaft das bevorzugt Akkumulierte: es wird von den Firmen tendenziell abgestoßen. Fast ein Drittel aller Maschinen, Betriebsanlagen, Transportflotten sind nach Rifkin in den USA nicht mehr im Besitz der jeweiligen Firmen, sondern werden bei Leasing-Unternehmen geleast, die Kosten als Betriebskosten verbucht. (S. 59)
Im gleichen Trend sieht Rifkin die Auslagerung — Outsourcing — der nicht zu den Kernaufgaben eines Unternehmens gehörenden Angelegenheiten; tendenziell würde man dabei in Gewerkschafts-freie Räume auslagern, um so Tarifverträge zu umgehen.
Umgekehrt werde das „Leichte“ bevorzugt. Vor allem Ideen und Vorstellungen seien Gegenstand des Handels. Rifkin zitiert die New York Times: „Microsofts einziger Firmenwert ist die Erfindungskraft der dort beschäftigten Menschen.“ (S. 70) Allerdings sei es eine charakteristische Schwierigkeit, im Übergang zum „Zeitalter des Erfindungsgeists“ neue Bewertungsmethoden zu definieren. (S. 74)

Monopoly um Geschäftskonzepte
Nicht mehr bloß Dinge, so Rifkin, sondern auch Beziehungen zwischen Verhandlungs- oder Vertragsparteien werden zur Ware. Deshalb nämlich, weil dadurch Zugänge eröffnet werden, Zugänge zu materiellem und immateriellem Eigentum.
Eine relativ junge Form des Zugangs ist Franchising. Dabei wird ein Geschäftskonzept in Lizenz vergeben, z.B. das von McDonald’s. „Der Siegeszug von McDonald’s zum Beispiel beruht auf der Erkenntnis, dass sich mehr Geld verdienen lässt durch den Verkauf von Hamburger-Verkaufslokalen als durch den Verkauf von Hamburgern.“ (S. 79) In den USA basieren bereits 35 % aller Einzelhandelsumsätze auf Franchise-Verträgen (S. 81). Zur vieldiskutierten Frage, ob der Lizenznehmer eines Franchising-Betriebs Eigentümer des Betriebs ist, antwortet Rifkin: er sei es im traditionellen Sinne, aber darauf komme es nicht an. Denn das inzwischen Wesentliche gehöre ihm nicht, nämlich die Idee, das Konzept, die Betriebsformel oder der Markenname. Entgegen der weit verbreiteten Auffassung könne ein Franchiser dem Bewerber keine Lizenz verkaufen, sondern ihm nur einen befristeten Zugang geben (S. 82 f).
„Zugang“ ist für Rifkin auch das Entscheidende bei den biotechnischen oder Life-Science-Industrien, bei denen die Gene der genutzte Rohstoff sind. Auch sie könnten nur geleast werden. „Das isolierte Gen wird Eigentum des Anbieters bleiben, der das Patent daran hält und einem Nutzer für kurze Zeit Nutzungsrechte gewähren wird.“ (S. 88) Die Folgen dieser Ent-wicklung zeigen sich schon deutlich in der Landwirtschaft. Hier liegt die Kontrolle über das Saatgut, zu dem die Bauern sich immer wieder neu den Zugang schaffen müssen, in den Händen weniger Firmen. Um zu verhindern, dass die Bauern — wie seit Jahrtausenden gewohnt — einen Teil der Ernte für eine neue Aussaat verwenden, ist eine Technik der Einpflanzung eines Gens entwickelt worden, das die Pflanze unfruchtbar macht (S. 92 f). Insgesamt befürchtet Rifkin angesichts der eingetretenen Abhängigkeit großer Massen von Bauern schwere Hungersnöte, wenn der Zugang zum Saatgut einmal versperrt ist.

Alles wird zur Dienstleistung
Selbst das Auto, lange ein wichtiges Symbol für Eigentum, würde den Charakter einer Dienstleistung erhalten; denn in den USA sind heute schon ein Drittel der Autos geleast. Die britische Daimler Chrysler ging noch einen Schritt weiter, indem sie ein ganzes Paket von Transportdienstleistungen anbietet. Auch Car-Sharing-Genossen-schaften, die Zugänge zu Autos anbieten, liegen in dem Trend, der nach Rifkin die Nutzung von Autos wichtiger macht als deren Besitz.
Schon früh in den 70er Jahren hatte in Nordamerika das Angebot von Dienstleistungen das von Waren überholt (S. 113). Rifkin definiert Dienstleistungen als wirtschaftliche Aktivitäten, die keine Produkte oder Bauleistungen hervorbringt, die transitorisch sind (zum Zeitpunkt kon-sumiert, in dem sie produziert werden) und die einen immateriellen Wert darstellen. (S. 113)
Als „Ende des Verkaufens“ bezeichnet Rifkin die besonders in der informationstechnologischen Branche zu beobachtende Tendenz, Produkte zu verschenken, um für Dienstleistungen Honorare oder Nutzungsgebühren zu erhalten. Gerade bei Software ist dies beliebt: der Grund: je mehr Programme eines Unternehmens miteinander verbunden sind, desto größer die Vorteile für jeden Teilnehmer und umso wertvoller die potienziellen Dienste des Unternehmens, der sogenannte Netzwerkeffekt. (S. 128)

Menschliche Beziehungen werden zur Ware
Und sie werden zur bedeutendsten Ware, meint Rifkin in diesem Kapitel. Neues Marketingziel sei es, sich mehr auf Kundenanteile als auf die Marktanteile eines Produkts zu konzentrieren. Dabei ist bekannt, dass das Geschäftspotential, das in einem Kunden steckt, direkt proportional ist zur projizierten Dauer der Kundenlebenszeit dieses Kunden (S. 133). Durch elektronische Rückkopplungsschleifen und Strichkodes kann mittlerweile der Lebenszeitwert einer Person bestimmt werden. Auch können aus der Analyse der Konsumtionsgewohnheiten des Kunden Prognosen über zukünftige Wünsche und Bedürfnisse prognostiziert werden und zielgerichtete Marketingkampagnen entwickelt werden, um Kunden in langfristige Geschäftsbeziehungen zu locken. Das neue Schlagwort dabei ist B-Techniken (für Beziehungstechniken).

Die Marketingberater R. Cross und J. Smith haben eine Folge von Stufen entwickelt, um Kundengemeinschaften zu schaffen (S. 147 f).
— Bindung des Bewusstseins: Einem potentiellen neuen Käufer wird ein Angebot in den Sinn gebracht.
— Bindung der Identität: Integration des Angebots in das Selbstbild des Kunden.
— Knüpfung einer Beziehung: Interaktion
— Bindung der Gemeinschaft: Das Ziel dabei ist, das LTV (Life time value) jedes Kunden zu erhöhen.

Zugang als Lebensform
„Zugang (wird) zur Messlatte für gesellschaftliche Beziehungen.“ (S. 154) Der Trend zu umfriedeten Siedlungen, in denen nur Menschen mit bestimmten Merkmalen (etwa Hausbesitzer zu sein) Zugang haben, ist ein erstes Beispiel; einer der Prototypen die von Walt Disney geplante Community „Celebration“. Rifkin zeichnet ein ziemlich düsteres Bild solcher Gemeinschaften, in denen z.B. Gemüsegärten verboten, Schilder „for Sale“ aber erlaubt seien.
Time-Sharing-Gemeinschaften, in denen die Nutzung von Eigentumswohnungen aufgeteilt wird, sind ein weiteres Beispiel. Rifkin erwähnt, dass diese Branche heute schneller wächst als die Tourismusindustrie im Ganzen.

Ein neuer Kapitalismus
Ein neuer Kapitalismus, heißt das den zweiten Teil des Buchs einleitende Kapitel. Kennzeichen dieses Kapitalismus‘ sei, dass Access Bedeutung gewinne, Eigentum sie verliere. Und dieser Kapitalismus ergreife die Kultur.
In der Art, wie es geschieht, sieht Rifkin eine Parallele zu der in den 1920er Jahren geprägten „Konsumkultur“, als die Werbeleute junge Künstler zur Ausstattung der Produkte heranzogen. Heute allerdings werde die Hand des Kommerz daran gelegt, „das flüchtigste und doch dauerhafteste Produkt herzustellen: die menschliche Erfahrung.“ (S. 193, Alvin Toffler zitierend) Oder in Rifkins eigenen Worten: „Im neuen Zeitalter wird der Zugang zur gelebten Erfahrung käuflich.“ (ebenda) Als einen Beleg führt er an, dass die Beschäftigungszahlen in der Erlebnisindustrie fast doppelt so schnell wachsen wie im gesamten Dienstleistungssektor (S.194). Doch sieht Rifkin diese Entwicklung eher kritisch, weil er meint, diese gekauften Erfahrungen seien eher simulierte als authentische Erfahrungen.
Ähnlich kritisch sieht Rifkin die angebliche Abkehr von der Bildung hin zur Unterhaltung. Diese sei in Amerika sogar wichtiger geworden als das Geschäft. Und damit kommt er zur Ver-wandlung des Business in Showbusiness. Von einer großen Fabrik werde die Wirtschaft umgebaut in ein großes Theater. Jetzt treffe ein, was der Soziologe Kenneth Burke u.a. schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg vorausgesehen haben: dass die Gesellschaft dem Theater Akt, Kulisse, Schauspieler, Handlung, Motiv als analytische Werkzeuge menschlicher Handlungen entleihen wird. Alles werde nun dramaturgisch umgesetzt.
Die Produktion kultureller Erlebnisse, davon ist Rifkin überzeugt, wird im 21. Jahrhundert zum Hauptspielfeld des Wirtschaftsgeschehens, wichtiger noch — wie er sagt — als Information und Dienstleistung.

Die Ausbeutung des kulturellen Lebens
In dieser Überschrift wird die Skepsis noch deutlicher. Das dramaturgisch aufbereitete Leben im Cyberspace verdränge das Leben, das in Ritualen, Feiern, der Religion etc. stattfände.
„Es ist der Job der Marketingleute, die Kultur immer weiter zu plündern, immer neue Themen zu finden, die menschliche Reaktionen hervorrufen.“ (S. 233)
Sehr kritisch sieht Rifkin die Portale bzw. die Pförtner, durch welche die Zugänge in die Räume gestaltet sind. Hier wittert er Diskriminierung.
Ebenso fürchtet er, nachdem im Zeitalter der Industrie die Bourgeoisie mit ihrem Unter-nehmensbesitz die öffentliche Sphäre bestimmt hat, eine neue Elite heraufziehen, bestehend aus „Künstlern und Intellektuellen, Marketinggenies und Kommunikatoren, Stars und Berühmt-heiten“, zusammengefasst „kulturelle Vermittler“ genannt. (S. 245)
Schließlich meint Rifkin, dass durch Englisch als bestimmender Sprache des Cyberspace andere Sprachen dominiert würden und bedroht seien.

Die Welt der Postmoderne
Die Welt der Postmoderne, worin unterscheidet sie sich, fragt Rifkin, von der Moderne. Knapp gefasst ist für ihn die Moderne ein Stadium des Kapitalismus, das auf Lohnarbeit und dem Kommerz mit festen Gütern beruhte, die Postmoderne ein neues Stadium des Kapi-talismus, in dem die menschliche Kultur kommerzialisiert wird. (S. 252)
Alles Feste und mit ihm die Trennung der Dinge voneinander habe das Ordnungsprinzip der vergangenen Welt bzw. die Vorstellungen von ihr ausgemacht; die neue Welt dagegen sei durch Vermischung und Verbindbarkeit von allem mit allem gekennzeichnet. Fleiß, um die Natur zu beherrschen, sei die alte Ausrichtung gewesen, Verspieltheit, um alle Erfahrungen machen zu können, die neue. Der Raum, so Rifkin weiter, war die in den alten Verhältnissen am meisten interessierende Dimension, die Zeit die in den neuen Verhältnissen.

Die Vernetzten und die Unvernetzten
Die Vernetzten und die Unvernetzten, darin erwartet Rifkin eine neue Teilung der Gesell-schaft, in der es nicht mehr um Haben oder Nicht-Haben, sondern Zugang haben oder keinen Zugang haben gehe. Zitiert wird in diesem Zusammenhang Daniel Bell, der schon vor 20 Jahren das Problem gesehen hat, dass „Kontrolle über Kommunikationsdienstleistungen eine Quelle der Macht und der Zugang zu Kommunikation eine Bedingung der Freiheit“ sein wird. (S. 294)
Diese Kontrolle haben nach Rifkin die Mediengiganten erlangt, und dies werde weitreichende Auswirkungen auf das Leben der Bürger haben; deswegen nämlich, weil zugleich die bisher bestimmenden politischen Regularien der Nationalstaaten ihre Bedeutung verlieren. Der Autor meint, dass in diesem Prozess die Schere zwischen reich und arm weiter aufgehen werde, selbst in den reichen Industrieländern. Er versucht dies (insb. S. 311) durch Statistiken zu untermauern, die zeigen können, dass die Diskrepanz zwischen den Einkommen der Reichsten und Ärmsten im Wachsen begriffen ist.

Anmerkung: Rifkins Argument scheint richtig zu sein, ebenso aber auch ein (von ihm nicht berührtes) Gegenargument, jenes nämlich, wonach die Band- breite der ’normalen‘ Einkommen gleichfalls im Wachsen begriffen ist.

Eine neue Balance zwischen Kultur und Kapitalismus
Eine neue Balance zwischen Kultur und Kapitalismus, so ist das lange letzte Kapitel überschrieben, mit dem der Autor in tiefere Regionen geht. „Access“ sei nur oberflächlich gesehen das Problem der Zugangsbedingungen zur vernetzten Welt; eigentlich gehe es um den Zugang zu einer neuen Conditio humana, einer neuen Seinsweise des Menschen.
Zur Erkärung knüpft Rifkin an Crawford MacPherson an, der als Charakteristikum des neuzeitlichen Eigentumbegriffs herausgearbeitet hatte, dass diese Form des Eigentums das Recht beinhaltet, andere auszuschließen. Dieses Recht, so Rifkin mit (seinem Lehrer) Mac Pherson, müsse um das „Recht, nicht vom Zugang ausgeschlossen zu werden“ erweitert werden (S. 319). Grundsätzlich gäbe es zwei Möglichkeiten, dies zu regeln: a) per Gesell-schaftsvertrag, worin die Vertrauensbasis einer Gesellschaft festgelegt ist, b) per kommer-ziellem Vertrag, worin Teilbeziehungen von Gesellschaftsgliedern bestimmt sind.
Auf die Kultur angewandt sieht dies für Rifkin folgendermaßen aus. Sie droht nach seiner Untersuchung ja völlig kommerzialisiert zu werden, also durch kommerzielle Verträge geregelt zu werden. Doch gäbe es im kulturellen Sektor auch die gesellschaftsvertragliche Seite; in den USA etwa existiere sie in den Nonprofit-Organisationen, von denen es über eine Million gibt (mit einem jährlichen Wirtschaftspotential von über 600 Milliarden Dollar — S. 328). Diese durch ehrenamtliche Arbeit getragenen Organisationen würden die nicht-kommerzielle Kultur repräsentieren.
Wenn diese Seite gestärkt werde, könne ein Gleichgewicht zwischen einer kommerziellen und einer nicht-kommerziellen Kultur erreicht werden.

03.10.2001; MF

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