Goll, Michaela: Gemeinsames Arbeiten im Netz – Fallstudie eines räumlich verteilten Unternehmens

Goll, Michaela: Gemeinsames Arbeiten im Netz: Fallstudie eines räumlich verteilten Unternehmens, Gießen 1998 (Institut für Soziologie, Universität Giessen Arbeitspapier „Telekooperation“ Nr. 6). 62 Seiten (URL: http://www.uni-giessen.de/~g31047/bericht6.pdf).

Themen: Alternierende Telearbeit, Grenzen des Technologie-Einsatzes, Kommunikationsstile, mobile Telearbeit, soziale Beziehungen, Substituierung von Kommunikation, Unternehmensethnographie, Betriebsklima, Unternehmensstruktur, virtuelle Unternehmen.

Abstract
Der Text beschäftigt sich mit den Besonderheiten telekommunikationstechnisch unterstützten gemeinsamen Arbeitens in einem räumlich verteilten Unternehmen. Parallel dazu wird der ethnographische Forschungsprozeß reflektiert.

Inhaltsverzeichnis
1. Elektronisch vermittelte kooperative Arbeit als Forschungsgegenstand
2. Gemeinsames Arbeiten bei Communications
3. Kommunikationsmedien und -formen bei Communications
4. Zur Erfassung des Phänomens „Kooperation in einem vernetzten Unternehmen“
5. Allgemeine Strukturmerkmale und Formen der bei Communications beobachteten Arbeit
6. Auswirkungen der technisch vermittelten Kommunikation auf die soziale Struktur der Organisation
7. Weitergehende Fragestellungen zur Entwicklung des Unternehmens
8. Literaturverzeichnis

Bewertung
Nicht nur für an Unternehmensethnographie Interessierte methodisch-theoretisch sondern auch für die Praxis des vernetzten Arbeitens und allgemein relevante Schlussfolgerungen von Andeutungen.

Inhalt

1. Elektronisch vermittelte kooperative Arbeit als Forschungsgegenstand
Ziel des diesem Text zugrundeliegenden Forschungsprojektes „Telekooperation“ ist es, den genuinen Charakter von elektronisch vermittelter kooperativer Arbeit herauszuarbeiten. Das Teilprojekt von dem dabei die Rede ist, beschäftigt sich mit den asynchronen Kooperationsformen mittels E-Mail in Unternehmen. Die entstehenden Probleme der Koordination, Kooperation und der Erreichbarkeit werden durch die im Unternehmen eingesetzten Medien und über deren technische Infrastruktur sichergestellt. Dabei müssen zunächst die Struktur und Dynamik sowie grundlegende Arbeitsabläufe und Formen elektronisch vermittelten kooperativen Arbeitens herausgearbeitet und herkömmlichen Arbeitssituationen gegenübergestellt werden. Zum „Entdecken“ des Feldes plädiert die Autorin für Methodentriangulation (teilnehmende Beobachtung mit Feldaufzeichnungen, audiovisuelle Dokumentation, Dokumentenerhebung und Befragung), induktives Vorgehen und die Konzentration auf einen Fall. Die Konversationsanalyse dient ihr zur Abbildung der allgemeinen Struktur durch das Herauslösen von einzelnen Aussagen aus dem jeweiligen Kontext und seiner Struktur.

2. Gemeinsames Arbeiten bei Communications
Die Autorin beschreibt die untersuchte Beratungsgesellschaft, die Großunternehmen im Bereich IT-Strategien und IT-Technologien berät. Die Firma besteht aus elf Mitarbeitern an verschiedenen Standorten. Die zu einem Großteil aus Computerarbeit bestehende Tätigkeit bei der untersuchten Beratungsgesellschaft Communications ermöglicht die Arbeit an verschiedenen Orten und flexible Arbeitszeiten. Praktiziert wird alternierende Telearbeit mit einem systematischen Wechsel des Arbeitsortes zwischen zentralem Büro, Arbeit zuhause sowie mobiler Telarbeit (ereignisbezogen, zeitlich begrenzt, zumeist beim Kunden). Goll arbeitete selbst in diesem virtuellen Unternehmen über einen Zeitraum von 15 Monaten. Dabei beleuchtet die Verfasserin die Ausbildung, Einarbeitung und Verabschiedung von MitarbeiterInnen im Unternehmen sowie dessen Organisationsaufbau und Organisationsstrukturen.

3. Kommunikationsmedien und -formen bei Communications
In dem Unternehmen gibt es großteils keine Aktenführung mehr, die papierbasierte Form wurde zugunsten der elektronischen Form aufgegeben. Als Kooperationsmedien und -formen über die jeweiligen Örtlichkeiten (Büro, Home-Office, Kunden) werden genutzt: asynchrone Groupware-Anwendungen (Gruppenprogramm), Intranet, Telefon, Fax, formelle und informelle Face-to-Face-Treffen. Alle Berater sind mit Laptops, Handys und zuhause mit ISDN ausgestattet.

4. Zur Erfassung des Phänomens „Kooperation in einem vernetzten Unternehmen“
Zur Erfassung des Phänomens „Kooperation in einem vernetzten Unternehmen“ greift die Autorin auf elektronisch vermittelte Texte (Logfiles, HTML-Seiten, Bildschirmmitschnitte), auf an Praktiken orientiertes Datenmaterial (audiovisuelle Dokumentation des Geschehens am Arbeitsplatz sowie Feldnotizen und -dokumente) zurück.

5. Allgemeine Strukturmerkmale und Formen der bei Communications beobachteten Arbeit
Allgemeine Strukturmerkmale und Formen elektronischen Arbeitens sind der häufige Medienwechsel und der ständige Wechsel der Aktivitäten und Anwendungen, flexible Arbeitszeiten mit entsprechenden Koordinationsaufwand, ein spielerischer Umgang mit Technik, Unterschiede zwischen der Nutzung der gemeinsamen Struktur im Home-Office- und im Büro selbst (Annäherung an synchrone Kommunikation), Differenzierung zwischen „drinnen“ und „draußen“, Kundeneinsatz, Telearbeiter und Büromitarbeiter. Die Autorin und die MitarbeiterInnen stufen Telearbeit zuhause als die angenehmeste Form des Arbeitens in der Firma ein (Effektivität, Selbstbestimmung).

6. Auswirkungen der technisch vermittelten Kommunikation auf die soziale Struktur der Organisation
Ferner zeigt Goll die Auswirkungen der technisch vermittelten Kommunikation auf die soziale Struktur des Unternehmens. Die Autorin bezeichnet das Betriebsklima „auf den ersten Blick als freundschaftlich“ (S.52). Duzen, institutionalisierte Witzaussendung, Weltmeisterschafts-Wettliste und gelegentliche private gemeinsame Unternehmungen sind üblich.

7. Weitergehende Fragestellungen zur Entwicklung des Unternehmens
Die Vergrößerung des MitarbeiterInnenstammes beeinflußt die Entwicklung des Unternehmens. Es kommt zu einer zunehmenden Regionalisierung, einer Konsolidierung als Familienunternehmen durch die Einstellung der Ehefrauen von zwei Mitbegründern der Firma und zur Zurückdrängung der Telearbeit. Gründe sind physische Verfügbarkeitsanforderungen, zu lange und weniger umfassende Einarbeitung, fehlendes Kontextwissen, ungünstige Integrationsbedingungen in laufende Projekte.

10.03.2001; KS

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