Glaser, Wilhelm R. / Glaser, Margrit O.: Telearbeit in der Praxis – Psychologische Erfahrungen mit Außerbetrieblichen Arbeitsstätten bei der IBM Deutschland GmbH

Glaser, Wilhelm R. / Glaser, Margrit O.: Telearbeit in der Praxis. Psychologische Erfahrungen mit Außerbetrieblichen Arbeitsstätten bei der IBM Deutschland GmbH, Neuwied/Kriftel/Berlin 1995. 240 S. ISBN 3-472-02058-X. 128,00 DM.

Themen: Arbeits- und Tarifrecht, Effektivität, Geschlecht, Netzkommunikation, Produktivität, Psychologie, Selbstdisziplinierung, technische Standards, Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Abstract
Der Bericht ist als Momentaufnahme der Erfahrungen und Befindlichkeiten der Mitarbeiter im IBM-Modellversuch „Außerbetriebliche Arbeitsstätten“ (ABA) konzipiert. Als Psychologen interessieren sich Glaser/Glaser für das Erleben und Verhalten des einzelnen Menschen. Sie wollen möglichst präzise und detailreich in Erfahrung bringen, wie die untersuchten Angestellten ihre Telearbeit tatsächlich praktizieren und wie sie dabei denken und fühlen.

Inhaltsverzeichnis
1. Zu diesem Forschungsbericht (1-5)
2. Telearbeit (Definition) und Literaturübersicht (6-15)
3. Erleben und Verhalten auf einer außerbetrieblichen Arbeitsstätte: Die wichtigsten Fragen (16-20)
4. Zusammenfassung und Folgerungen (21-26)
5. Datenerhebung und Resultate (27-78)
6. Beispiel einer Betriebsvereinbarung und Betriebshinweise (IBM) (79-90)
7. Einzelresultate der Interviews (91-191)
8. Einzelresultate der schriftlichen Vorgesetztenbefragung (192-231)
Literaturverzeichnis (232-234)
Stichwortverzeichnis (235-238)

Bewertung
Trotz des fast schon historischen Charakters ist die IBM-Studie dank der grundsätzlichen Erkenntnisse immer noch aktuell. Sie ist aufgrund der dokumentierten Betriebsvereinbarung auch für Praktiker im Betrieb von Nutzen. Der optimistische Grundtenor findet sich auch in späteren Arbeiten von W. R. Glaser.

Inhalt

1. Zu diesem Forschungsbericht
Die Datenbasis besteht aus standardisierten Interviews mit einer Stichprobe von 38 Mitarbeitern und einer schriftlichen Befragung von 33 ihrer vorgesetzten Manager. Die Autoren bezeichnen den Modellversuch „aus psychologischer Sicht als sehr erfolgreich“ (S.3).

2. Telearbeit (Definition) und Literaturübersicht
Zunächst benennen die Autoren vier Dimensionen einer Definition von Telearbeit (Arbeitsort, Arbeitszeitverteilung, Ausstattung IuK-Technik und Rechtsform des Arbeitsverhältnisses). Beim Modellversuch der IBM handelt es sich um Teleheimarbeit mit „teilweise erst geringe(m) Anteil der zu Hause abgeleisteten Arbeitszeit, hohe(m) Standard der vom Arbeitgeber gestellten informationstechnischen Ausstattung und der vollen Beibehaltung des arbeits- und tarifrechtlichen Arbeitnehmerstatus“ (S.10).

3. Erleben und Verhalten auf einer außerbetrieblichen Arbeitsstätte: Die wichtigsten Fragen
Es folgt eine Auflistung der psychologischen Fragen, die das Erleben und Verhalten auf einer außerbetrieblichen Arbeitsstätte umreißen sollen. Der ausführlichen Darstellung der Ergebnisse wird eine knappe Zusammenfassung samt Folgerungen vorausgeschickt.

4. Zusammenfassung und Folgerungen / 5. Datenerhebung und Resultate
Im Modellversuch lassen sich wohnungs- und bürozentrierte ABA-Mitarbeiter unterscheiden. Als wohnungszentriert gilt, wenn regelmäßig mindestens ein Tag in der Woche zuhause gearbeitet wird. Von den zwölf befragten Frauen haben 10 eine wohnungszentrierte ABA-Stelle, von den 26 Männern waren es nur 50% (=14). Bei den wohnungszentrierten Befragten überwiegen die privaten und bei den bürozentrierten die dienstlichen Gründe. Tätigkeitsfelder sind Programmieren, Systemwartung und Programmüberwachung, Entwicklungsaufgaben sowie Betreuung und Schulung von Sotwarebenutzern. Trotz anfänglicher Skepsis sind in geringem Umfang offenbar auch Projektleitung und Projektkoordination erfolgreich verlagert worden. Der informelle Kontakt ist zu sonstigen IBMern geringer geworden, die Zahl der Meetings (Vorgesetzte, Kollegen) blieb gleich. Insbesondere E-Mail fängt diese beiden Entwicklungen auf. Als häufigste kommunikative Tätigkeiten werden Beraten, Problemdiskussion, spontane Problemlösung und Ideenfindung genannt. Die Zufriedenheit über die technische Ausstattung der häuslichen Arbeitsplätze ist insgesamt groß. Fast alle wohnungszentrierten und zwei Drittel der bürozentrierten ABA-MitarbeiterInnen können zuhause ungestörter und effektiver arbeiten. Die Notwendigkeit einer größeren Selbstdisziplin wird von der Hälfte stark oder sehr stark empfunden. Ungeachtet dessen wurde die ursprüngliche Vermutung, daß die Mitarbeiter ihre Mitarbeit besser planen und strukturieren müßten, nicht bestätigt. Die Autoren empfehlen hinsichtlich der Verteilung der Arbeitszeit zwischen Wohnung und Betrieb geschlechtsspezfische Unterschiede zu machen, da Frauen „wohl sozial sensibler und bewußter als Männer reagieren“ (S.23). Die Auswirkungen auf das Privatleben wurden von den Befragten weitaus stärker positiv als negativ gesehen: „Die oft beschworene vermehrte Doppelbelastung durch Familie und Beruf“ (S.24) wurde weder von Frauen noch von Männern als Problem erlebt.
Die Einstellungen der Vorgesetzten waren durchschnittlich positiv bis sehr positiv (75%)
Glaser/Glaser empfehlen eine differenzierte Verteilung der ABA-Stellen, weil sie von ausschließlich im Büro arbeitenden Kollegen als Privileg wahrgenommen werden. Die Entscheidung darüber möchten sie möglichst weit unten ansiedeln. Gleichbehandlung aller Mitarbeiter erscheint ihnen hier nicht angezeigt. Den sorgfältig ausgewählten Mitarbeitern sollte eine mehr als bisher übliche Flexibilität bei der Verteilung ihrer Arbeitszeit zwischen Betrieb und zu Hause ermöglicht werden. Da auch zunächst als ungeeignet erachtete Tätigkeiten erfolgreich zu Hause ausgeübt wurden, sollten Modellversuche dieselben stärker berücksichtigen. Der technische Standard zuhause soll hoch sein. Eine Teilung von Schreibtischen (Desksharing) innerhalb von Teams erscheint wirtschaftlich und psychologisch die beste Lösung. Eine besondere psychologische Beratung oder Betreuung ist nicht nötig.

18.02.2001; KS

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