Dietinger et al.: Kriterien für ein flexibles System für die Unterstützung von Ausbildungsaufgaben mit moderner Web-Technologie

Dietinger / Gütl / Maurer / Scherbakov / Schmaranz: Kriterien für ein flexibles System für die Unterstützung von Ausbildungsaufgaben mit moderner Web-Technologie, in: Praxis der Wirtschaftsinformatik, Heft 205 2/1999. ISSN 1436-3011 D 12952, Hüthig Verlag, S. 22 – 33.

Themen: CBT, Lernumgebung, Telelearning, WBT.

Abstract
Von der Grazer Gruppe wird der Prototyp eines ausbildungsunterstützenden Systems vorgestellt, in dem verschiedene Sichtweisen integriert sind.

Inhaltsverzeichnis
1. Traditionelle computergestützte Ausbildung
2. Traditionelles WWW
3. Anforderungen an ein erfolgreiches Aus- und Weiterbildungssystem
4. GENTLE — ein erster Lösungsansatz

Bewertung
In klarer, auch für Nicht-Informatiker verständlicher Sprache werden strategische Probleme der Entwicklung von Lernsystemen dargelegt und ein bestimmter Lösungsansatz geboten.

Inhalt

Eingeleitet wird mit einem Zitat, wonach moderne Computertechnologien innerhalb der nächsten zehn Jahre die gesamte Aus- und Weiterbildung „nachhältigst verändern werden“ — ein Zitat aus dem Jahr 1972. In dem Aufsatz wird reflektiert, was die vergangenen drei Jahrzehnte im genannten Bereich erbracht haben.

1.
Die Geschichte des computergestützten Unterrichts (engl. CBT, Computer Based Training) hatte nach Ansicht der Autoren nur in Einzelfällen bedeutende Resultate. CBT fand meist isoliert statt, mit Aufgaben, die mehr oder weniger nur sequentiell abzuarbeiten waren, brauchbar für kaum mehr als für einfache Buchführungsfunktionen.

2.
Mit der Verbreitung des Internet wurde dann auch mit einer Reihe von optimistischen Argumenten die Ansicht verbreitet, dass mit WBT, dem Web Based Training, die Schwächen des CBT durchschlagend überwunden werden könnten. Die Autoren zerpflücken diese Argumente und sprechen von einer weiteren „Enttäuschung“. Zuversichtlich könne man erst werden, wenn das (im Übrigen, wegen unzumutbarer Reaktionszeiten, viel zu lang dauernde) Aufinden von Informationen durch Verwendung von Meta-Daten und durch den Einsatz von Agenten ausreift.

3.
Welche Anforderungen, das ist nun die zentrale Frage, können an ein modernes Bildungs-system auf WWW-Basis gestellt werden. Vier Sichtweisen werden dabei auseinandergehalten:

a) die Sicht der Autoren (Hersteller von Unterrichtseinheiten)
— sie verlangen Einfachheit in der Herstellung
— das Material muss hochmodular (in kombinierbare Bausteine zerlegt) sein
— die Lernenden müssen (andauernd) mit Fragen eingreifen können

b) die Sicht der Systemverwalter
— Benutzerinformationen müssen angelegt und verwaltet werden
— die Kurse sind zu organisieren
— die Verantwortlichkeiten zwischen Autoren, Lehrern, Tutoren festzulegen

c) die Sicht der Benutzer
— Optionen für verschiedene Lerntypen sollten hier gegeben sein
— ebenso Einstiegsmöglichkeiten je nach Wissensstand
— den Kursen bzw. Kursteilen sollten elektronische Bibliotheken zugeordnet sein
— Kommunikation muss möglich sein (auch im Sinne eines Gemeinschaftsgefühls)
— Halbidentifizierung der Benutzer: Erreichbarkeit zu gewährleisten, aber nicht beliebig

d) die kommerzielle Sicht (wessen Sicht?/MF)
— Kommerzialisierung erst bei Vielfachbenutzung; durch Module möglich
— die Kurs-Gebührenerhebung: ein ungelöstes Problem

4.
Mit GEneral Networked Training and Learning Environment oder kurz GENTLE, einer Entwicklung der Gruppe um Prof. H. Maurer (Graz) im Stadium von Prototyp-Einsätzen, sei „ein erster Lösungsansatz“ zu den eingehend besprochenen Problemen erreicht (http://wbt.iicm.edu/courses).
Was die Autorensicht angeht, wird zum einfachen und systematischen Kursaufbau der von der Gruppe entwickelte Structure Editor empfohlen; dort seien auch Ansätze zur Wiederverwendung von Modulen gegeben.
Bezüglich der Verwaltersicht wird gesagt, dass GENTLE bisher nur die allernotwendigsten Werkzeuge enthält. Dies wird dadurch gerechtfertigt, dass das System als eine „allgemeine generische Lösung“ angesehen wird.
Die Benutzersicht liegt den Autoren besonders am Herzen. Es wurde Benutzern die Möglichkeit gegeben, Anmerkungen sowie Links für sich und andere anzubringen. Außerdem kann eine beliebige Textstelle markiert werden und dazu eine Frage gestellt werden. Die Autoren betonen, dass durch Fragen Stellen und Antworten Geben das Wissen um ein (Kurs-) Thema herum anwächst.
Was die kommerzielle Sicht anlangt, so wird noch einmal darauf verwiesen, dass die Wiederverwendung von Kursteilen durch das System im Prinzip leicht gemacht wurde.

16.11.2001; MF

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