Die Ethik autonomer Fahrzeug im Alltag

Wir sollten die ethischen Fragen des autonomen Fahrens nicht an Extrembeispielen diskutieren – sondern nah am Alltag.

Von Georg-Ludwig Verhoeven

Wenn es um die Ethik autonomer (bzw. automatisch fahrender) Fahrzeuge geht (im Folgenden auch AutoAuto genannt), werden oft dramatisch-dilemmatische Situationen diskutiert, in denen das AutoAuto abwägen muss, ob es den Rentner, das Kind oder die Insassen des Fahrzeuges gefährdet oder tötet.

Solcher Szenarien eignen sich hervorragend für medienwirksame Veranstaltungen und Veröffentlichungen, wie zuletzt den Bericht der Ethikkomission „Automatisches Fahren und Vernetzung“. Und das selbst dann, wenn keine praktikable Lösung gibt, sondern nur abstrakte Denkansätze dargestellt und dikutiert werden. Auf der anderen Seite kommen solche Szenarien – glücklicherweise – im Alltag höchst selten vor.

Ganz anders ist es mit dem Alltag. Wie sieht die „Ethik“ des AutoAuto im Alltag aus? Hält es die StVO ein – streng oder großzügig? Agiert es wie der real existente Autofahrer, der Geschwindigkeitsbegrenzungen „weitgehend“ einhält, aber sich doch immer mal wieder eine Ausnahme genehmigt? Der weiß, wo die Radaranlage steht und danach wieder auf Gaspedal geht? Der weiß, dass eine Steigung kommt und vorher „Anlauf“ nimmt? Der schnell mal ein langsameres Fahrzeug, einen Traktor oder Radfahrer überholt, wenn er dadurch auch die durchgezogene Linie überfahren muss?

Vertraut das AutoAuto darauf, dass die anderen sich StVO-konform verhalten? In einem reinen AutoAuto-Szenario mag das funktionieren, aber was ist im „Mischbetrieb“, wo es Verkehrsteilnehmer gibt, die sich nicht an die StVO halten und daher für das AutoAuto unvorhersagbar ist? Oder fährt das AutoAuto auf dem Gebirgspass kilometerweit hinter dem Radfahrer her, der es bei der Steigung auf gerade mal 5, vielleicht sogar 10 km/h bringt? Und zieht es dann eine Schlage hinter sich her, weil es selbst nicht überholt werden kann? Hält das AutoAuto den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand ein, und was tut es, wenn es auf der Autobahn überholen will, das aber nicht kann, ohne den Sicherheitsabstand der auf der Überholspur Fahrenden dadurch zu verkürzen? Fährst das AutoAuto nur so schnell, dass es jederzeit innerhalb der Sichtweite anhalten kann? Lässt das AutoAuto andere einscheren, abbiegen, verzichtet es auf die Vorfahrt?

Hier muss eine AutoAuto – Ethik ansetzen und praktisch umsetzbare Maximen liefern, an denen sich Systemarchitekten, -designer und -entwickler orientieren können.

Werden dann Autokäufer solche AutoAutos überhaupt kaufen – und werden sie ihrem „Autopiloten“ die Kontrolle im Alltag überlassen? Gibt es für den Autopiloten eine Einstellmöglichkeit von „Gutmensch“ bis „Rowdy“ (oder wie immer die Stufen auch heißen mögen)?

In anderen Worten, will die automobile Gesellschaft diese AutoAutos überhaupt? Was erwartet sie von ihnen, welcher Ethik sollen sie folgen? Diese Diskussion hat kaum begonnen, aber genau da sollte sie einsetzen.

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Ein Kommentar zu “Die Ethik autonomer Fahrzeug im Alltag
  1. Egon Scherer sagt:

    Die von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt eingesetzte Ethikkommission kommt ua zu folgenden Ergebnissen:
    „Der Schutz des Menschen hat Vorrang vor allen anderen Nützlichkeitserwägungen“
    „Keine Degradierung des Subjekts zum bloßen Netzwerksinstrument“
    „Fahrzeughalter und –nutzer müssten grundsätzlich über Weitergabe und Verwendung ihrer anfallenden Fahrzeugdaten entscheiden dürfen“
    Wenn ich das angesichts der aktuellen Skandale und Rechtsbrüche auf mich wirken lasse und sehe wie Dobrindt und die Bundesregierung damit umgehen, kann ich nur zynisch sagen, diese Ethik könnt ihr euch sparen, die kennen wir schon.
    Die Automobilindustrie hat Milliarden an Forschungsgeldern vom Staat erhalten, hat diese teilweise anderweitig eingesetzt, im Rahmen von Kartellabsprachen die Produkte bewusst falsch deklariert und will sich nun mit Unterstützung der Politik der Produkthaftung entziehen……
    Wenn nun unter Federführung dieser Menschen die Ethik für AutoAutos definiert wird, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dies im Sinne der Bürger erfolgt.
    Ich denke immer mehr Menschen in dieser „Automobilgesellschaft Deutschland“ fühlen und erkennen, dass die Mobilität radikal neu gedacht werden muss. Dass dies gerade für Deutschland sehr schmerzhaft sein kann und vermutlich wird, ist klar, aber auch hier gilt: „Die Tatsachen sind oft nicht so schlimm, schlimm ist es aber wie wir damit umgehen“.
    Wenn wir weiterhin zulassen, dass die Automobilindustrie aus Gründen der Profitmaximierung innovative Entwicklungen ausbremst, werden wir bei den AutoAutos keine Chance haben und Firmen wie Google, Apple, Microsoft…… diesen neuen Mobilitätsmarkt erobern. Dass dies unter Ethikaspekten eine ganz schlechte Entwicklung wäre ist leider auch klar, ganz zu schweigen wenn chinesische Firmen hier die Marktführerschaft erobern würden. Unter ethischen Aspekten ist keine dieser Optionen wünschenswert.
    Was tun? Die Menschen, die Zivilgesellschaft muss durch den Kauf oder nicht Kauf dieser Produkte entscheiden und indirekt abstimmen, ob man bereit ist, diesen Betrug weiterhin zu tolerieren, der auch und gerade unter dem Aspekt Obsoleszenz zu betrachten ist. Sarkastisch formuliert könnte man sagen, universell betrachtet ist es unerheblich wie die Menschheit sich entscheidet mit den Ressourcen dieses Planeten umzugehen.

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