Deckstein, Dagmar / Felixberger, Peter: Arbeit neu denken – wie wir die Chancen der New Economy nutzen können

Deckstein, Dagmar / Felixberger, Peter: Arbeit neu denken – wie wir die Chancen der New Economy nutzen können, Campus Verlag Frankfurt/New York 2000. 222 Seiten.

Themen: Arbeitskultur, Marktforschung, New Economy, Telearbeit.

Abstract
Die Münchner Journalisten reflektieren neue Möglichkeiten humanen Arbeitens.

Inhaltsverzeichnis
(1) Einleitung — Die Alte Welt geht, New Economy kommt

(2) Und morgen die ganze Welt — New Economy in den USA

(3) Keine Ruhe. Nirgends — New Economy in Deutschland

(4) Wo geht’s hier zur New Economy? Menschen und Organisationen im Wandel

(5) Die großen Irrfahrten im Ancien Régime und erste Alternativrouten durchs Neuland

(6) Die Liebe zum Leben: Die wichtigsten Grundprinzipien der (selbst-) verantwortungsvollen New Economy

Bewertung
Geeignet und gut als Einstieg in die Thematik „Transformation der Arbeit“.

Inhalt

(1)
Die überall spürbaren Veränderungen, sagen die Autoren, werden angetrieben durch innovative Ideen und Technologien, die im Internet eine kostengünstige Plattform haben. Doch Aktienrausch und Internet-Hype, das sei nicht die neue Wirtschaft. Vielmehr gehe ein fundamentaler Wandel durch die Gesellschaft, mit dem eine Neuorientierung der Arbeitskultur einhergeht:
„Arbeit wird nicht mehr begriffen als das, wohin man geht, sondern als etwas, das man kann. Arbeit muss neu gedacht werden, da sie sich von den alten Kategorien der Abhängigkeit und Entfremdung entfernt und sich mehr und mehr hin zum Denken in individuellen Fähigkeiten bewegt.“ (S. 8)

(2)
In den USA als dem führenden Land der New Economy zeigt sich nach Ansicht der Autoren ein typisches Sowohl als Auch in vielen Entwicklungszügen:
— Zunahme von gut dotierten Jobs und gleichzeitige Zunahme von Billigjobs.
— Einerseits Fusionierungen zu Riesigkonzernen, andererseits Anwachsen der sogenannten Gazellen (kleine Firmen, die mindestens vier Jahre lang Umsatzzuwächse von mehr als 20 % vorweisen können).
— Das typische „Coopetition“, d.h. Konkurrenten kooperieren partiell miteinander.
— Starke Tempoerhöhung in Produkt-Lifecycles und zugleich eine „Slow-is-beautiful“-Kultur. Einen Zug sehen die Autoren — wie auch andere Beobachter — als sehr merkwürdig an, den nämlich, dass die US-amerikanischen Wirtschaft trotz allen Boomens nur schwache Produktivitätszuwächse aufweist, d.h. dass der Effekt der neuen Technologien auf die Produktivität (zumindest vorläufig noch) gering ist. (S. 15 – 26)

(3)
In Deutschland folgt nach Deckstein/Felixberger die Entwicklung zum Teil der US-amerikanischen, geht zum Teil aber auch eigene Wege. Was das schon von Hannah Arendt prognostizierte Generalproblem vom „Ende der Arbeit“ anlangt, hätten sich zwei Denkrichtungen ausgebildet: Die eine (Repräsentant: Ulrich Beck) plädiert, um die aus der Industriewelt Herausfallenden ‚auffangen‘ zu können, für das Modell der Bürgerarbeit; die andere (Repräsentant: Christian Lutz) plädiert, um die Transformation bewältigen zu können, für den sein berufliches Schicksal weitgehend selbst in die Hand nehmenden Lebensunternehmer. Betont werden von den Autoren auf dem Weg „vom Ende der Arbeit zum Beginn der @rbeit“ die folgenden Momente:

* Karriere und Geld als ehemalige Exklusivfaktoren für Erfolg werden ergänzt durch das Bedürfnis nach Kreativität und Verantwortung; im Durchschnitt will man weniger Zeit auf die Berufarbeit verwenden; Weiterbildung steht, wie Befragungen ebenfalls zeigen, sehr hoch im Kurs. (S. 34 f)
* Arbeit wird, wie der wirtschaftspolitische Forscher Gerd Dahlmanns formuliert hat, „die Vereinigung von Anstrengung und Lust.“ (S. 37)
* Arbeit wird begriffen werden „nicht mehr … als etwas, das man hat, sondern als etwas, das man tut.“ (S. 38)
* Nach Charles Handy, dem britischen Zukunftsforscher, werden vor allem diejenigen, die mit ihrem Hirn als Hauptwerkzeug arbeiten, ihr Arbeitsvermögen mehreren Unternehmen zur Verfügung stellen. (S. 39)
* Unter dem Gesichtspunkt des ehemaligen US-Arbeitsministers Robert B. Reich, wonach alle Arbeit „Transformation“ — von Boden, von Material, von fremden und eigenen Lebensumständen — ist, gewinnt der Arbeitsbegriff eine neue Dimension, die als virtuell bezeichnet werden kann: auch Gefühle, Einstellungen, und damit gesellschaftliche Verhältnisse werden durch Arbeit transformiert. (S. 41)
* Es wird zunehmend nicht darum gehen, für bekannte Probleme bekannte Lösungen zu finden, sondern unbekannte Probleme möglichen innovativen Lösungen zuzuführen. (S. 43)
* Nach Norbert Bolz hat das Produkt der Zukunft „einen Intelligenzkern und eine Service-Hülle.“ (ebenda)

Was die Organisation des 21. Jahrhunderts angeht, sind die Autoren der Überzeugung, dass sie typischerweise klein, vernetzt und flexibel sein wird. Solche „Adhocratien“ würden wohl später kommen als die wissenschaftlich-kulturelle Avantgarde vermutet, aber früher, als manche Gewerkschaftler und Unternehmensführer es erhoffen. (S. 73 – 75)
Zum Thema Marktforschung führen Dagmar Deckstein und Peter Felixberger aus, dass sie auf Kundenpflege hinausläuft. Eine beiderseitige Gewinnstrategie würde dahin gehen, dass Anbieter und Kunde sich gegenseitig mit Informationen versorgen. (S. 89 f)

(4)
Am Beispiel der Encyclopaedia Britannica wird gezeigt, wie aus einer alten Form des Wissens eine neue werden kann: Die Britannica wurde zu Beginn der Industriellen Revolution als ein auf nützliches Wissen ausgerichtetes Kompendium entwickelt und war (mit den in die USA verkauften Rechten) noch lange im 20. Jahrhundert sehr erfolgreich. Gegen Ende des Jahrhunderts wurde das wohl beste Lexikon der Welt sehr schnell chancenlos gegenüber den aufkommenden CD-Roms. Doch ein Rettungsanker bewahrte die Britannica vor dem Untergang, nämlich die Britannica.com als globale Suchmaschine. Das heißt, nicht mehr der Wissensbestand als solcher ist in der New Economy das Charakteristische, sondern ein Orientierung bietendes Navigationssystem. (S. 95 – 100)
Helfen und geholfen werden, unter diesen Stichworten wird Kooperation in der New Economy behandelt. Auf „kreative Felder“ komme es an, wo unterschiedliche Personen ihre Fähigkeiten in Synergie zur Blüte reifen lassen. Als Beispiel wird das von dem Engländer Reginald Revans so genannte Action Learnings gebracht, wo es darauf ankommt, dass bei einer neuen Herausforderung die Kooperierenden sich ihr jeweiliges Nichtwissen offenlegen; es dient der Vertrauensbildung. (S. 108 – 114)
Venture-Capital, auch dies ein Kennzeichen der New Economy; nicht mehr macht man sich per Kredit von einer Bank abhängig, sondern: Banken werden normale Investoren in eine Geschäftsidee; sie leben davon, erworbene Anteile später gut zu verkaufen.
Telearbeit wird als ein weiteres Charakteristikum der New Economy dargestellt. Höhere Produktivität habe sich als Hauptvorteil für das Unternehmen erwiesen, die Einsparung von Fahrwegen als Hauptvorteil für den individuellen Telearbeiter. In Deutschland würde Telearbeit etwa hinter Großbritannien und Skandinavien deutlich hinterherhinken, und wo sie in Deutschland eingeführt wird, sei dort die Tendenz, dass mit der Telearbeit „gleich das Überwachungssystem mitinstalliert“ wird. Diese neue Form der Arbeit ist den Autoren Audruck dafür, dass Arbeit und Privatleben sich vermischen. Im Übrigen betonen sie einen günstigen Einfluss der Telearbeit auf Peripherien bzw. strukturschwache Regionen. (S. 120 – 127)

(5)
In der ‚Old Economy‘ sei es um möglichst konsequente Verfolgung von Einzelzielen, z.B. Erhöhung des Shareholder Value oder Erhöhung der Produktivität, gegangen; zur Kennzeichnung des neuen, vernetzten Denkens wird Frederic Vester zitiert: „Das systemische Hauptziel muss immer die Erhöhung und Sicherung der Lebensfähigkeit eines Systems sein.“ (S. 139)
Im Bildungswesen werde immernoch der angepasste Schüler ‚produziert‘ anstatt nach dem besonderen Potenzial des Einzelnen zu fragen und danach, wie es gefördert werden kann. Lernen werde in hohem Maße Teil der Arbeitwelt werden; schon heute sei es für die innovativsten Unternehmen typisch, dass in der Arbeitssituation gelernt wird.
Gewerkschaften — raus aus dem Bollwerk! Sie seien die großen Bremser im gegenwärtigen Wandel. Zukünftigen Beschäftigtenvertretern werde die Rolle zukommen, als „Lebensunternehmer-Berater“ zu agieren.
Parteien — raus aus der Blockhütte! Hier käme es darauf an, dass sie in den lebendigen Dialog mit den Bürgern eintreten, wodurch die Demokratie direkter werden kann.
Männerbastionen — raus aus der Rolle! Aus verschiedenen Gründen werde das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der Frauen sein: Zum Einen, weil Frauen in der „Multibeschäftigtheit“ (Beruf – Familie) versiert sind, eine Befähigung, die für das „Lebensunternehmertum“ gebraucht werde. Zum Zweiten, weil Frauen ein weiteres Erfordernis der Zukunft besser beherrschten als Männer, nämlich die Kunst des Kommunizierens. Für die kommenden Jahre zeigen mehrere Trends, dass Frauen im Arbeitsleben eine wachsende Rolle spielen werden:

a) Frauen stellen den größten Teil der Arbeitssuchenden in Westeuropa
b) Zwei Drittel der neu entstandenen Arbeitsplätze werden von Frauen besetzt. (S. 180)
Als Appell an die Männer ergeht, dass sie mit den Frauen in ihrer jeweiligen Vielfältigkeit in eine „neue Beziehung der Gegenseitigkeit“ treten sollen. (S. 185)

(6)
Dagmar Deckstein schreibt in ihrem Epilog, dass der Mensch eine Stufe der Produktion erreicht hat, auf der er sich den Luxus leiten kann, sich eingehend mit seinem Selbst zu beschäftigen. In der Neuen Ökonomie würden persönliche Beziehungen wichtiger werden als Funktion und Status. Eine Vertrauenskultur, auch ein „warmer Egoismus“ (Mokka Müller) stehe auf der Tagesordnung. Am Ende zitiert sie noch einmal Mokka Müller mit einem Satz, für den man vor einiger Zeit noch für verrückt erklärt worden wäre: „… sie (die Arbeiter der Zukunft) wollen tatsächlich dafür bezahlt werden, das zu tun, was sie gerne tun!“ (S.200)
Peter Felixberger fragt in seinem Epilog, wie eine Ordnung aussehen müsste, in welcher der Einzelne die besten Chancen zur Selbstverwirklichung hat und die Gesellschaft das höchste Maß an Gemeinwohl. Seine Antwort: „Alle stärken sich zum Wohle aller gegenseitig.“ (S. 206)

15.11.2001; MF

Veröffentlicht in Themenübergreifende Literatur