Cairncross, Frances: The Death of Distance – How the Communications Revolution will change our Lives

Cairncross, Frances: The Death of Distance — How the Communications Revolution will change our Lives, London 1997. 300 Seiten.

Themen: Dienstleistungen, E-Commerce, Internet, Telearbeit, Telefon, TV.

Abstract
Cairncross untersucht die möglichen Wirkungen der „Medienrevolution“.

Inhaltsverzeichnis
1 The Communications Revolution
2 The Telephone
3 The Television
4 The Internet
5 Commerce and Companies
6 Competition, Concentration, and Monopoly
7 Policing the Electronic World
8 The Economy
9 Society, Culture, and the Individual
10 Government and the Nation State

Bewertung

Ein kühner Vorgriff auf die Zukunft, nüchtern und doch spannend geschrieben.

Inhalt
Im Vorwort (1998) charakterisiert die Autorin, führende Journalistin beim „Economist“, die technologische Revolution des 21. Jahrhunderts gegenüber den beiden vorangegangenen Jahrhunderten. Im 19. Jahrhundert sei, insbeson- dere durch Eisenbahn und Dampfschiff, der Transport von Gütern revolutioniert worden; im 20. Jahrhundert, durch Auto und Flugzeug, der Transport von Leuten . Im 21. Jahrhundert werde der Transport von Ideen und Informationen revolutioniert werden, wobei wie bei den früheren Umwälzungen eine fortdau- ernde Tendenz sinkender Transportkosten zu erwarten sei (S. VIII f).
Darüber hinaus formuliert Caincross 30 Thesen (trend spots), von denen ich hier drei herausgreife:
— Distanz wird nicht mehr die Kosten E-Kommunikation bestimmen. — Standort wird nicht mehr Business-Entscheidungen bestimmen.
— Eine Informationsflut wird hereinbrechen, weshalb die Entwicklung von Fil- tersystemen unabdingbar ist (S. XI f).

1 Die Kommunikationsrevolution
„Tod der Distanz“, sagt Frances Cairncross, ist der bedeutendste einzelne Faktor der in Gang gekommenen technologischen Revolution, der darüber bestimmen wird, wo und wie die Menschen arbeiten werden. Die technologische Umwälzung selbst ist „ein Mysterium“, an das die Autorin sich durch Vermutungen herantasten will, um dann die zu erwartenden Aus-wirkungen auf das gesellschaftliche Leben ins Auge zu fassen.
Telefon, Fernsehen und der Computer sind die Grundelemente dieses technischen Wandels. Für das jüngste von ihnen, den Computer, hat sich das 1965 von Gordon Moore formulierte Gesetz, wonach sich alle 18 – 24 Monate die Arbeitsleistung von Computern verdoppeln wird, für die nächsten drei Jahrzehnte als gültig erwiesen (S. 9). Das Internet, Ergebnis der Ver-netzung von Computern, hat in der ersten Hälfte der 90-er Jahre durch den Web browser, eine Tat des jungen Programmierers Marc Andreessen aus Illinois, einen enormen Impuls erhalten, der eine erneute Potenzierung der Computerleistung zur Folge hatte.

Was dies alles für die Gesellschaft bedeutet, dazu bringt Cairncross eine interes- sante Analogie: Das Auto, um 1910 technisch ausgereift und gut zwanzig Jahre später zum Massenartikel geworden, hat Folgen gehabt , die damals kaum vor- hersehbar waren: es hat die physische Landschaftsstruktur durch Umgestaltung des Straßennetzes und Bildung von Anlaufstellen für das Vehikel stark verän- dert, es hat Jobs zerstört (z.B. Kutscher) und neue geschaffen (z.B. Fahrer), und es hat die Partizipation breiter Massen am Reisen bewirkt (S. 16 f). Auf sol- chen Analogielinien reflektiert die Autorin — zu Recht oder zu Unrecht— die in unserer Zeit in Gang gekommene technologische Revolution.

Eine Schlüsselfrage für Cairncross lautet: Wird das Internet sich als Medium aus eigenem Recht entwickeln oder zusammen mit Television und Telefon zu einem integralen Ganzen werden? Diesen Fragen geht die Autorin in den folgenden drei, die Telemedien betreffenden Kapiteln nach.

2 Das Telefon
Das Telefon (1876 als ein noch sehr umständliches Instrument erfunden) hat schon in der Vergangenheit beträchtliche Wirkungen auf das Geschäftsleben und ebenso auf die politische und private Sphäre gehabt. In den 1980-er Jahren ist dieses Kommunikationsinstrument durch eine enorme Verbesserung der Transportfähigkeit seines Netzes (Glasfibertechnik) und durch seine Emanzipation von der Leitung, sprich: Mobiltelefon, technisch verändert worden und hat in seiner neuen Form, da ihr eine Senkungstendenz der Kommunikationskosten auf dem Fuß folgte, an Massenwirksamkeit gewonnen. Cairncross traut dem Telefon, speziell im nächsten Jahrzehnt, noch eine erhebliche Ausschöpfung seines Potentials zu, wobei sie an die ‚vor der Tür stehende‘ technische Sprach- und Stimmerkennung denkt und außerdem an den Pager, mit dem man einem Telefon bzw. einem Anrufbeantworter geschriebenen Text wird senden können (S. 44). Insgesamt ist hier ihre Prognose, dass eine Integration des Internets in das Telefon-system stattfinden wird. Denn eine neue Entwicklung geht dahin (das Gerät Nokia’s 9000 ist ein Beispiel dafür), Mobiltelefone zu bauen, mit denen man Datenbasen suchen, E-mails senden und Handschriften lesen kann (S. 45 ff).

3 Das Fernsehen
Fernsehen ist heute eine Tätigkeit, die nach Schlafen und Arbeiten die meiste Zeit in An-spruch nimmt. Zwei Entwicklungen sind nach Cairncross derzeit im Gange. Zum Einen eine starke Ausweitung der Ausstrahlungskapazität (hin zu einer Größenordnung Tausender von Kanälen). Und zum Zweiten Kostensenkungen bei der Herstellung und Verbreitung von Programmen (S. 59). Auf die Inhalte der Sendungen wird dies unterschiedliche Auswirkungen haben; sie werden sowohl an Variationbreite gewinnen (und entsprechend individualisiert genutzt werden — „Me-TV“) als auch einen repitiven Charakter ausprägen, indem die betreffendenden Programme in Videoboxen abgelegt werden.
In der Frage, wie die Chancen für TV im Vergleich zu den anderen Telemedien sind, einen Torweg (gateway) zum Internet zu eröffnen, favorisiert Cairncross das TV. Ihr Argument: Das weitaus am meisten genutzte Telemedium, mit 1,2 Milliarden oder einem Fünftel der Welt-bevölkerung an TV-Besitzern, ist heute das Fernsehen (S. 76). Als mögliche Brücke für die Verbindung mit dem Internet sieht Cairncross Web-TV, dessen momentane Entwicklungs-chancen sie hoch einschätzt.

4 Das Internet
Das Internet wird von Cairncross als ein sehr eigenartiges Gebilde geschildert. Es ist weder von der Telefonindustrie noch von der TV-Industrie hervorgebracht worden, sondern war ein akademisches Projekt, das allerdings vom US-Verteidigungsministerium unterstützt wurde. Das Merkwürdigste am Internet ist, dass es keinen definierten Hauptnutzen hat. Seine Fähigkeit ist: zu transportieren, was digitalisierbar ist. Es ist ein öffentliches Produkt, in öffentlichem Besitz, und hat keine zentrale Kommandantur (S. 89 ff).
Angefangen hat das Internet in Cambridge/Mass. mit einem Netz, das 1969 die Computer von vier Universitäten miteinander verband (um die Leistungskraft der Computer zu steigern). 1971 wurde der erste und einzige IT-Standard (protocol) geschaffen, eine Angelegenheit, an der etwa die Telefonindustrie keinerlei Interesse hatte. 1989 wurde das world wide web von dem Briten Tim Berners-Lee erfunden, das 1993 durch den schon erwähnten Andreessen mit seiner Multi-media-Oberfläche „Mosaic“ in den Adel der Benutzerfreundlichkeit erhoben wurde (S. 92 ff).
Ein Problem des Internets ist seine Überladung mit Informationen. Computer können (noch) nicht mit jener ‚fuzzy‘ Logic Sucharbeit leisten, die das menschliche Gehirn auszeichnet. Yahoo!, eine der bekanntesten Suchmaschinen, sortiert Webseiten nach Publikationsarten; hierbei besteht das gleiche Problem wie in einer Bibliothek, unter welcher Art nämlich ein Buch abgelegt wurde bzw. zu finden ist. Andere Suchmaschinen wie InfoSeek oder AltaVista senden sogenannte Spiders den Links entlang; mit der Verwendung von Schlüsselwörtern entsteht hier das typische Problem, dass der Benutzer mit Informationen „deluged“, „übersintflutet“ wird (S. 106 ff). Der Verkehr im Internet verdoppelt sich alle sechs Monate, d.h. er nimmt noch wesentlich schneller zu als die Zahl der regelmäßigen Benutzer. Der größte „Kapazitätsdieb“ sind dabei Videos geworden: 1 Mio Bytes (nötig, um ein 700-Seiten-Buch zu speichern) werden für das Abspielen von 3 Sekunden Qualitätsvideos gebraucht (S. 115).

5 Handel und Unternehmen
Electronic Commerce wird von Cairncross aus vielen Gründen für zukunftsträchtig gehalten, vor allem wegen der relativ sehr geringen Einstiegskosten, wegen der leichten Informierbarkeit von Kunden und wegen des für diese unkompliziert zu bewerkstelligenden Preisvergleichs. Distance-Shopping oder Tele-Shopping ist zumindest in den USA schon in diesen Jahren sehr im Kommen; für die Jahre 1996 – 2000 wird mit einer Zuwachsrate um den Faktor 4 gerechnet (S. 130). Cairncross prognostiziert, dass in naher Zukunft den Individuen Zugangswege offen sind zu Informationen von der Art, wie sie heute ein Broker oder ein Reiseunternehmer hat.
Die Autorin denkt hier auch über die Zukunft der Firma nach. Ronald Coase, ein Nobelpreis-träger für Ökonomie, hatte zu Fords Zeiten die Lebensberechtigung von Firmen darin erkannt, dass sie die Interaktionskosten unter den Mitarbeitern auf einem erträglichen Niveau halten. Jetzt, so Cairncross, gehen auf Grund der elektronischen Netze die Interaktionskosten bei lokal zerstreuten Kooperationpartnern derart in den Keller, dass die Notwendigkeit fest strukturierter Firmen entfällt; es werde eine Entwicklung hin zu losen, flexiblen und temporären Kooperationsgebilden geben. Außerdem gäbe es eine Tendenz zur Verkleinerung der Firmen (statistisch liegt die Trendumkehrung beim Jahr 1970 — S. 152 und 235), weil, wiederum wegen der Netzentwicklung, klassische Firmenfunktionen ausgemeindet werden können.

6 Konkurrenz, Konzentration und Monopole
Entmonopolisierung oder Enfaltung von Konkurrenz ist ein klarer Trend im Kommuni-kationssektor. Zugleich aber — man denke nur an Microsoft — bauen sich neue Monopole auf. Cairncross fragt, ob der Kommunikationssektor monopolanfällig ist. Weder Hardware- noch Software-Umstände, gibt sie zunächst zur Antwort, sind an sich monopolfördernd, sondern allein die Kontrolle über begehrenswerte Inhalte, z.B. ein gut funktionierendes Programm. Wo kommuniziert wird, gibt es solche Inhalte; und insoweit könne man von einer Monopol-anfälligkeit in Kommunikationsdingen sprechen.
Es gibt nach Ansicht der Autorin aber noch spezifischere Faktoren, die am Markt der Kommunikation Konzentration begünstigen. Einer ist die Netzwerkökonomie, die so ausgelegt ist, dass Größe ein Qualitätsmerkmal eines Netzwerks ist; kleine Netzwerkbesitzer haben es damit grundsätzlich schwer, sich zu behaupten. Ein weiterer Faktor ist der Systemcharakter von IT-Produkten; das bedeutet, dass ein überlegenes System alle Chancen auf absolute Priorität hat. Schließlich spielen im IT-Gewerbe auch Standards eine wichtige Rolle; wer demnach einen Standard prägt, hat für die Zeit von dessen Gültigkeit beste Chancen auf eine Monopolstellung (S. 157 ff). Insgesamt spricht sich die Autorin dafür aus, dass man in Fragen der Regulation des IT-Gewerbes vor allem auf die Effizienz von Netzen — ein monopolbegünstigender Gesichtspunkt — und auf ihren Innovationsbedarf — ein konkurrenzbegünstigender Gesichts-punkt — achten soll (S. 166 – 177).

7 Überwachung der elektronischen Welt
Beim Thema „Policing“ der elektronischen Welt geht es um die komplexen Fragen, wie man mit freier Meinungsäußerung, Schutz der Privatsphäre und dem Recht auf intellektuelles Eigentum umgehen kann. Die Fragen sind deshalb schwierig, weil die zur Verfügung stehenden Umgangsformen im Allgemeinen nationalstaatlicher Art sind und als solche für die typischerweise grenzüberschreitenden Phänomene, mit denen man es hier zu tun hat, nur begrenzt tauglich sind.
Was Beschränkungen der freien Meinungsäußerung anlangt, ist eine Grundfrage für Cairn-cross: Kann unerwünschtes Material vor dem Erreichen des Users ausgefiltert werden? Vier Möglichkeiten sieht sie:
(1) Es kann durch eine Software gefiltert werden, die vorgegebene Listen nach der Erwünscht-heit/Unerwünschtheit von problematischem Material befragt; als kaum zu überwindendes Problem sieht Cairncross hier die ungenügende Vollständigkeit solcher Listen.
(2) Material kann auch nach Tabu-Wörter aussortiert werden; es liegt auf der Hand, dass diese Möglichkeit ohne strengste Geheimhaltung solcher Wörter nicht funktionieren kann.
(3) Material, das in bestimmten Regionen (beispielsweise China oder islamische Welt) uner-wünscht ist, könnte von Providern für solche Regionen ausgeblendet werden.
(4) Man könnte auch einen Service entwickeln, der Selbstzensur ermöglicht, indem proble-matische Materialien mit einer elektronischen Etikette belegt werden; pornoängstliche Eltern, beispielsweise, könnten dann entscheiden, ob sie das betreffende Material elektronisch verriegeln oder nicht. — Die Autorin spricht sich für den vierten Weg aus (S. 187 f).
Als Frage drängt sich mir auf: Welche wie große Organisation wäre denn in der Lage, das Internet-Material (zwecks Etikettierung) zu sichten??
Privatsphäre: Wie man sie empfindet, ist etwas von Kultur zu Kultur sehr Verschiedenes. Was die westlichen Länder betrifft, so verweist die Autorin auf das Paradox, dass es im Internet für Verletzer einer Privatssphäre leichter ist anonym zu bleiben als für die Verletzten. Zum Sammeln von privaten Daten sagt Cairncross, dass die Individuen letztendlich selbst ent-scheiden sollten, welche ihrer privaten Daten gesammelt werden dürfen (S. 191 ff).
Intellektuelles Eigentum, dahinter steht die Frage nach der Überlebensfähigkeit des Copyright-Konzepts. Dass Copyright-Verletzungen wegen der leichten, schnellen und breitgestreuten Re-produzierbarkeit von Dokumenten praktisch nicht mehr kontrolliert werden können, steht für Cairncross außer Frage. Sie schlägt vor, das Copyright durch ein „Serviceright“ zu ersetzen, dergestalt, dass Reproduktionen grundsätzlich unentgeltlich zugelassen werden, weitergehende Dienste aber zu bezahlen sind (S. 206).
Zur Gesamttendenz des „Policing“ der elektronischen Welt bemerkt sie: „Das Internet wird administrative Regulierungen erschweren, Selbstregulierungen dagegen erleichtern.“ (S. 207)

8 Die Wirtschaft
Dienstleistungen galten traditionell als Tätigkeiten, die im Allgemeinen nur vor Ort ausge-führt und an Individuen vorgenommen werden können. Mit der Entwicklung der Telemedien gilt dies so nicht mehr, im Gegenteil: sehr viele Dienstleistungen werden an beliebigen Orten stattfinden und eine beträchtliche Massenwirksamkeit haben. Charakteristisch gerade für diese Dienstleistungen ist ein wachsender immaterieller Anteil in ihnen, der Wissens-Anteil (S. 211 f).
Eine Reihe von Effekten werden sich nach Cairncross mit dem Trend zu Telediensten ergeben:
— Das Einkommen zwischen ländlichen Gegenden und den Städten wird ausgeglichener.
— Die Arbeiten gehen zum Arbeiter.
— Ansprüche werden gestellt an: Ausdrucksfähigkeit, Höflichkeit, Kreativität, Genauigkeit,
Findigkeit.
— Sehr gefragt und entsprechend prämiert wird: Können, Kreativität, Intelligenz (S. 222 f).
Die Wirkung der elektronischen Revolution auf die Produktivität ist merkwürdig. Ökonomen sprechen hier vom „Produktivitätsparadox“: höhere Investitionen, geringere Produktivität. Cairncross nennt die in der Diskussion stehenden möglichen Gründe dafür: Der Umgang mit Computern sei zeitverschwenderisch. Auch sage man (eigentlich nur die Umkehrung des vor-genannten Grunds), ein produktiver Umgang mit Computern müsse erst noch gelernt werden. Ein Grund könne auch sein, dass die gesteigerte Dienstleistungs-Qualität — Cairncross spricht in dieser Hinsicht von einem versteckten Boom — (noch) nicht adequat gemessen werden kann (S. 225 ff).

9 Gesellschaft, Kultur und Individuum
Das Kapitel zu den soziologischen Auswirkungen der elektronischen Revolution wird mit der Prognose eröffnet, dass im kommenden viertel Jahrhundert der schnellste je vollzogene technologische Wandel vor sich gehen wird (S. 233).
Herausgestellt wird hierbei die Ausbreitung der Telearbeit (teleworking). Am Beispiel einer Bank, die Filialen hat, bestimmt die Autorin diesen Prozess in der Weise, dass einerseits die Aktivitäten (das eigentliche Bankgeschäft) zentralisiert, andererseits die Arbeitsplätze (der Bankangestellten) dezentralisiert werden. Die Zentrale oder das Office, so die Autorin weiter, wird tendentiell zum sozialen Ort (gemeinsame Arbeit und informeller Austausch), während die individuell vollzogene Arbeit an weitgehend beliebigen Orten (Heim, Restaurant, Flugzeug etc.) stattfinden wird (S. 235 ff).
Es wird neue Formen sozialer Kontakte geben, wobei Cairncross „virtuelle Communen“ her-vorhabt, die sich um Arbeitsinteressen gruppieren können, aber auch um häusliche Interessen (etwa Elterngruppen) oder kulturelle bzw. ethnische Gemeinsamkeiten (S. 242 ff).
Im Hinblick auf die Sprache wird, weil überproportional viele computerrelevante Texte englisch sind, eine Zunahme der Dominanz des Englischen prognostiziert, zugleich aber auch — wegen verstärkter ethnischer Kohäsionen — der Pflege von Minoritätssprachen eine gute Chance ge-geben. Weiter spricht die Autorin von einem „Revival“ des Schreibens (und Lesens?/MF), wobei sich neue linguistische Stile entwickeln würden.
Das Kapitel abschließend wird gefragt, ob die vor sich gehende Umwälzung feststellbare Gewinner und Verlierer hat bzw. haben wird. Cairncross ist hier der Meinung, dass bisher am Rande der Gesellschaft Stehende, insbesondere behinderte und alte Menschen, eindeutig der Gewinnerseite zuzuschlagen sind — daher der Terminus „revolution of inclusion“ — und Ungebildete, wie z.B. Analphabeten, eindeutig der Verliererseite (S. 252).

10 Regierung und Bürgerschaft
Im letzten Kapitel geht es um Politik. Der „Tod der Distanz“ werde besser informierte Bürger hervorbringen, die Regierungen würden sich besser über die Wünsche der Bürger informieren können, und es werde (einhergehend mit allgemeinen Steuersenkungen) einen Abbau staatlicher Dienstleistungen zugunsten privat angebotener geben. Diese letzeren würden typischerweise als Teledienste entwickelt werden, wobei die Autorin u.a. Teletherapien (insbesondere Konsultationen aus der Distanz) und Telelearning, das Funktionen der Schulen übernehmen werde, anspricht (S.272).
Auch wirft sie die Frage auf, ob es eine Renaissance athenischer Demokratie geben wird — diesmal allerdings auch mit Frauen als Wählern und Gewählten. Sie spricht in diesem Zusammenhang von direkteren Formen der Demokratie, wobei hier Televoting wichtig ist, d.h. die Befragung einer Stichprobe von Leuten nach der öffentlichen Diskussion einer Angelegenheit, wobei auch diese Diskussion über elektronische Medien vor sich gehen kann (sogenanntes electronic town meeting).
Ausblickend sagt Cairncross, am bedeutendsten für sie sei die Möglichkeit, dass durch die Medienrevolution fremde Kulturen einander näher kommen und auf diese Weise Frieden gestiftet wird; sie räumt allerdings ein, dass dies keine hinreichende Bedingung für Frieden ist.

30.09.2001; MF

Veröffentlicht in Für Sie gelesen