Bock, Gabriele: Abgestufte Nähe – Kooperation und Kommunikation im Büroalltag

Bock, Gabriele: Abgestufte Nähe. Kooperation und Kommunikation im Büroalltag, in: Beck, Stefan (Hg.): Technogene Nähe. Ethnographische Studien zur Mediennutzung im Alltag. Münster u.a. 2000 (Berliner Blätter – Ethnographische und Ethnologische Studien 3). S. 74-84. 179 S. ISBN 3-8258-5000-5. 29.80 DM.

Themen: Arbeitsstile, Empirische Kulturwissenschaft, Grenzen des Technologie-Einsatzes, Kommunikationsstile, Qualifikation, soziale Beziehungen, Substituierung von Kommunikation, techn.Standards, Unternehmensethnographie, Unternehmensstruktur, Virtualisierung.

Abstract
Diese ethnographische Untersuchung fragt danach, wie das vielfältige Angebot unterschiedlicher Kommunikationsmittel in einer mittelständischen Firma genutzt wird, welche Wahlmöglichkeiten bestehen und warum welche Mittel gewählt werden.

Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Die Firma
2. Kommunikationsprofile
3. Komplexe Kommunikationsverläufe
4. Kommunikationskompetenzen
5. Machtstrukturen
6. Manipulation von Machtstrukturen
7. Spiel mit Nähe und Distanz
8. Mißverständnisse und Konflikte
9. Kommunikative Muster und Taktiken

Bewertung
Diese beispielhaft ethnographische dichte Beschreibung veranschaulicht das hohe analytische Potential von Fallbeispielen zu vernetztem Arbeiten.

Inhalt

0. Einleitung / 1. Die Firma
Die Autorin liefert eine ethnographische Beschreibung von Kooperation und Kommunikation in einem 20 MitarbeiterInnen umfassenden mittelständischen Betrieb der Hightech-Branche, in dem sie selbst unbefristet vollzeitbeschäftigt ist. Ihre ethnographische Untersuchung war zwar angekündigt, ist aber wieder in Vergessenheit geraten, so daß es sich um eine halb verdeckte Forschung handelt. Der Umfang ihrer Tätigkeit in der PR-Abteilung beeinträchtigte ihre Dokumentationsmöglichkeiten am Arbeitsplatz. Ihr empirisches Material (Feldnotizen) entstand in zwei Phasen, in der sie auch jeweils unterschiedliche Rollen innehatte. In einer dreimonatigen Explorationsphase agierte sie als „Neue“. In einer Phase extremen Arbeitsaufkommens als PR-Verantwortliche und Marketingleiterin gehörte sie zum Inner Circle des Betriebs. Neben dem Interieur und der Arbeitsinfrastruktur beschreibt sie die räumliche Situation für die MitarbeiterInnen in der Firma.

2. Kommunikationsprofile
Ungeachtet ähnlicher Ausgangsvoraussetzungen (Ausstattung mit IuK-Technik) wird auf äußerst unterschiedliche Weise miteinander kommuniziert. Bock dokumentiert vier ausgewählte Kommunikationsprofile auf vier unterschiedlichen (vergleichsweisen flachen) Hierarchieebenen (Geschäftsführer, Vertriebsassistentin, Qualitätsmanager, Auftragsabwicklung und Softwareadminstratorin).

3. Komplexe Kommunikationsverläufe / 4. Kommunikationskompetenzen
Die Autorin beschreibt beispielhaft die Kommunikationsverläufe und das Ineinanderübergehen synchroner und asynchroner Kommunikation und verweist darauf, daß die Einführung neuer bzw. die Verfügbarkeit viefältiger Kommunikationsmedien nicht automatisch eine Erleichterung darstellt. „Alte“ (S.78) Kommunikationskonventionen, Mißtrauen in die Technik und das Bedürfnis nach sozialer Nähe führen mitunter zu einer Mehrfachkanalnutzung. Sie zeigt, wie in einer solch kleinen Firma, in der es sehr eng zu geht, die Wahl des E-Mail-Kommunikationsmodus auch als Distanzmittel eingesetzt werden kann. Unterschiedliche technische Kommunikationskompetenzen bedingen differenzierte Nutzungsweisen (routinierte Zeitersparnis, demonstrative Nutzung usw.).

7. Spiel mit Nähe und Distanz / 8. Mißverständnisse und Konflikte
Gleichzeitig findet über die Auswahl des Kommunikationsmittels und des Kommunikationsmediums ein Spiel mit Nähe und Distanz statt. Ein ironischer Umgang mit Distanz verstärkt die Erfahrung sozialer Nähe. Verschiedene Kommunikationsmittel und uneindeutige Anweisungen führen zu inoffiziellen Kommunikationswegen. Das birgt die Gefahr von Mißverständnissen und des Mißlingens von Kommunikation in sich. Ein erhöhter Zeitbedarf von Kommunikation über vorangegangene Kommunikation ist die Folge.

9. Kommunikative Muster und Taktiken
Die Gestaltung des Kommunikationsverhaltens im Betrieb hängt ab vom Inhalt und Zweck, der Dringlichkeit, der technischen Kompetenz, dem Zeitbudget des Senders wie des Empfängers, von der sozialen Kompetenz (Offenheit wie Bereitschaft zur Kommunikation), dem Verhältnis zum jeweiligen Kommunikationspartner sowie von offiziellen und inoffiziellen Machtstrukturen, Sympathie und Antipathie, persönlichen Stimmungslagen ebenso wie von der räumlichen Gestaltung. In dem ausgewählten kleinen Betrieb werden Kommunikationsmedien auch zur Gestaltung sozialer Beziehungen und nicht nur zur Arbeitsbewältigung genutzt (Nähe: Face-to-Face und synchrone Medien; der Vermittlungscharakter wird aufgrund langjähriger Vertrautheit und routiniertem Umgang kaum noch wahrgenommen).
Die Autorin sieht durch ihre beobachtende Teilnahme zwei Annahmen aus der Literatur bestätigt. Zum einen die These von Uwe Sander (Die Bindung der Unverbindlichkeit. Frankfurt/M. 1998), wonach Distanz nicht ein Defizit, sondern ein „Luxuspotential“ der Moderne ist, weil erst mediatisierte Kommunikation ein Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz ermöglicht. Zum zweiten, William J. Mitchells Position, daß Telekommunikation als zusätzliche Ausdrucks- und Kommunikationsform zur differenzierteren Gestaltung sozialer Beziehungen genutzt wird. Abschließend bemerkt sie, daß bei der betrieblichen Einführung neuer Kommunikationsmittel vom Management selten bedacht wird, daß ihre Verfügung nicht den Gebrauch determiniert, da Kommunikationsstile heterogen und nach situativem Kontext und vor dem Hintergrund der oben aufgezählten Faktoren variieren.

05.03.2001, KS

Veröffentlicht in Themenübergreifende Literatur