Darf ein Philosoph hetzen?

Fragen Sie sich auch, wohin uns die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) führt? Was bringt sie uns?
Wer sich halbwegs ernsthaft damit beschäftigen will, muss auch auf Philosophen hören, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Daher hat Michael Mörike, Vorstand der Integrata-Stiftung, den Essay „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ von Richard David Precht gelesen.
Und – um es gleich vorwegzusagen – nun ist er tief enttäuscht.

In dem Buch fügt der Autor eine Aussage nach der anderen aneinander über sein Wissen über die Welt, ohne auch nur ein einziges Argument zum Titel zu liefern. Die Aussagen stehen fast beziehungslos nebeneinander. Teilweise widersprechen sie sich sogar. Sie eignen sich gut als Hetzkampagne gegen die Entwicklung der Informationstechnologie (IT), aber sie eignen sich nicht für eine sachliche Diskussion. Ist das Philosophie? Haben das deutsche Philosophen nötig? Hat der Autor das nötig?

Beim Lesen kann man den Eindruck gewinnen, im Buch wird Bewusstsein mit Denken verwechselt – eigentlich eine ureigene Domäne der Philosophie. Als Menschen denken wir sehr, sehr viel mehr, als wir uns bewusst machen können. Der Autor redet (oder schreibt) viel, ohne nachzudenken; und vermutlich ist er sich dessen auch nicht bewusst.

Der Autor beschreibt viele Phänomene, die wir derzeit – auch en detail – erleben, scheint aber das Phänomen der Emergenz nicht zu kennen, das wir in der KI derzeit eben auch erleben. Jedenfalls wird keine derartige Erkenntnis im Buch sichtbar.

Precht vermischt immer wieder Bedeutung und Gedanken – ich meine ganz unzulässig. Bedeutung hat eben nicht nur etwas, was wir bewusst durchdenken. Bedeutung kann auch etwas haben, das wir nie gedacht haben und nie bewusst denken werden. Die Welt ist nun mal auf unsere menschlichen Gedanken nicht angewiesen. Was ist Bedeutung? Wird im Buch leider nicht geklärt. Dafür kommt ganz zum Schluss im Buch etwas zur Bedeutung des Sinns des Lebens – leider aber ohne auf die Evolution einzugehen, die uns ja den Sinn unseres Lebens mitgegeben hat. Auf die moderne Philosophie in der Giordano-Bruno-Stiftung dazu geht R. D. Precht natürlich nicht ein. Schließlich passt sie eher nicht zu seinem Weltbild.

Wenn ich mir diese Entwicklung vor Augen führe, könnte ich den Eindruck gewinnen, dass dieses Buch ein Beleg dafür ist, dass die klassische Philosophie des Denkens, der Gefühle und der Ethik hier ihr letztes Gefecht gegen eine Technisierung des Denkens oder menschlichen Gefühle führt. Schließlich fängt die Technik gerade an, unser Denken (KI) und letztlich daraus folgend dann auch unsere menschlichen Gefühle nachzubauen. Durch den Nachbau lernen wir viel über uns selbst. Im Buch übrigens ist keine Rede davon! Von einem gestandenen Philosophen hätte ich erwartet, dass er genau das in seinem Buch beschreibt – und vielleicht zunächst notgedrungen akzeptiert, aber dann daraus eine moderne weiterführende Philosophie begründet.

Das ist definitiv nicht gelungen.

Michael Mörike, Vorstand der Integrata-Stiftung.