Auf Kaiser Wilhems Spuren

Von Achim Lorenz

„Ich glaube an das Pferd. Das Auto ist lediglich eine vorübergehende Erscheinung“, urteilte Kaiser Wilhelm II. dereinst über Carl Benz‘ Erfindung, die die Welt verändern sollte. Die Dimension dieser Fehleinschätzung ist sicher atemberaubend, aber heutige Politiker scheinen zuweilen eine ähnliche Weitsicht an den Tag zu legen, wenn sie sich mit den neuen Medien befassen. Anders lässt sich die Entscheidung der schwarz-gelben Regierungskoalition, das von den Verlagen gewünschte sogenannte Leistungsschutzrecht umzusetzen, beim besten Willen nicht erklären. Dieses „Leistungsschutzrecht“ bedeutet im Wortlaut der Koalition: „Gewerbliche Anbieter im Netz, wie Suchmaschinenbetreiber und News-Aggregatoren, sollen künftig für die Verbreitung von Presseerzeugnissen (wie Zeitungsartikel) im Internet ein Entgelt an die Verlage zahlen.“
Man muss wirklich nicht viel vom Internet verstehen, um zu begreifen, wie unglaublich abstrus dieser Vorschlag ist. Seitenzugriffe sind im Internet das, was Verkaufszahlen in der Zeitungswelt sind: Ein Gradmesser für die Reichweite des Blattes und damit ein Argument für Werbekunden, der Zeitung/Website Geld für das Veröffentlichen einer Anzeige zu bezahlen. Suchmaschinen und News-Aggregatoren machen die Online-Angebote von Verlagen besser auffindbar, erhöhen die Seitenzugriffe und damit auch die Werbeeinnahmen. Dass diese Anbieter, die dem Internetnutzer und dem Verlag gleichermaßen einen Dienst leisten, dafür bezahlen sollen ist, in den Worten des bekannten Bloggers Stefan Niggermeier, so, „als müssten die Gelben Seiten den Unternehmen dafür zahlen, dass sie ihre Informationen aufnehmen dürfen“.
Der Vergleich trifft ins Schwarze, zumal die Zeitungen ihre Artikel aus eigenem Antrieb kostenlos online stellen und mit ihren Websites Einnahmen generieren. So hat der Axel Springer Verlag („Bild“, Welt“) 2011 im Internet knapp eine Milliarde Euro Umsatz erzielt und damit fast soviel wie mit in Deutschland verkauften Zeitungen (1,16 Mrd. €). Verlage, die dieser Strategie nicht folgen wollen, haben wiederum die Möglichkeit, ihre Internet-Angebote aus Suchmaschinen entfernen zu lassen. Das tun sie natürlich nicht, weil das gegen ihre eigenen Interessen verstoßen würde. Aber nun wollen sie für diesen ihnen gebotenen (!) Service bezahlt werden – und die Koalition, deren Mitglieder ohnehin des öfteren durch profunde Unkenntnis des Internets auffallen, macht mit.
Die „Welt Online“ erklärte das Thema ihren Lesern übrigens am Montag so: „Suchmaschinenbetreiber wie Google schütten für ihre Veröffentlichung von Presseartikeln eine Abgabe an die Verlage aus, an der die Autoren und Kreativen beteiligt werden.“ Nun veröffentlichen Suchmaschinen die Artikel nicht, sondern verweisen lediglich auf sie. Es wird zwar eine Kopie davon z.B. im Google-Cache gespeichert, aber der Nutzer bewegt sich zum Lesen der Presseartikel nicht auf Google, sondern auf dem Website des Presseorgans. Aber es war ja auch die Internet-sachkundige „Welt“, die 2001 erklärte: „Das Internet wird kein Massenmedium, weil es in seiner Seele keines ist.“ Was immer das heißen mag.
Es ist schwer vorherzusagen, wie das noch zu schreibende Gesetz, sollte es den zu erwartenden Sturm der Empörung seitens der Netzgemeinde und netzaffiner Persönlichkeiten überleben, sich auf die Gestalt der betroffenen Internetdomains auswirken wird. Spannend dürfte werden, wo die Grenze bei „gewerblichen Anbietern“ liegen wird, namentlich ob wirklich „nur“ Web-Unternehmen betroffen sein werden oder auch diverse spendenfinanzierte Seiten. Vielleicht werden einige Blogs, die auf einem gut selektierten und kommentierten Medienspiegel beruhen, einfach sterben. Angebote wie Bildblog.de, das fehlerhafte oder stark tendenziöse Berichterstattung in den traditionellen Medien beleuchtet, dürften auf jeden Fall verschwinden. Und Suchmaschinen werden möglicherweise die Online-Angebote der Zeitungen einfach aus ihrem Index entfernen, um sich die Kosten zu sparen. Damit haben die Suchmaschinen ein schlechteres Angebot, die Nutzer schlechtere Möglichkeiten, Informationen zu erhalten, und die Zeitungen schlechtere Zugriffszahlen und weniger Werbeeinnahmen. Am Ende verlieren alle.

Kaiser Wilhelm hätte es nicht schlechter machen können.

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